Nikolas Kerkenrath

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Da war doch mal was…

Puschkin's Poesie auf meiner Bürotür

Puschkin's Poesie auf der Tür des Künstlerzimmers und auf meiner Bürotür machte
allen Besuchern und Gästen deutlich, wess' Geistes Kinder hier waren.

Nach meinem Abgang von der Bayer-Bühne im September 2008 wurden diese Inschriften entfernt. Ebenso Rolf Liebermann's Foto und sein gerahmter Appell an die gesellschaftliche Verantwortung der deutschen Wirtschaft; und einiges mehr, das den Vorgänger erkennbar machte. Warum tun sich Nachfolgende manchmal so schwer mit den Zeichen, die vor ihrer Zeit, zum Wohl derselben Institution, gesetzt wurden?

Auch ich musste und wollte einen 'Komplex' überwinden, als ich 1986 die Leitung der Kulturabteilung der Bayer AG – so hiess es damals – von Franz Willnauer übernahm. Ich habe aber nicht ab-, sondern aufgehängt: ich liess die von ihm und Roland Lillie (Theater), Ulrike Schmidt (Musik und Ballett), Elisabeth Bott (Kunst) und Reiner E. Ohle (Redaktion) erarbeiteten, hervorragenden Dokumentationen "Kulturarbeit bei Bayer" und "Erich Kraack, ein Musikerleben für Leverkusen", sowie einige representative Künstlerfotos seiner Zeit rahmen und im Flur der damaligen Kulturabteilung im Gebäude W12 anbringen. Die Reaktionen seiner ehemaligen und nun meiner Mitarbeiter/innen waren gemischt: überraschte Zustimmung auf der einen und spottende Ablehnung auf der anderen Seite: "Der Neue schmückt sich mit unserer Arbeit!". Einer von ihnen gab mir sogar zu verstehen, dass "ein Intendant immer nur so gut ist, wie seine Mitarbeiter". Ich war sprachlos; heute würde ich ihm erwidern können, dass dies, beidseitig, nur bedingt stimmt. Trotz vieler solcher Attituden über eine längere Zeit – zu lang für beide Seiten – griff die Professionalität dieses eingespielten Teams bald und ermöglichte mir den Start und somit die Konkretisierung der Vorhaben, für die ich engagiert worden bin.

Ein Foto im "Künstlerzimmer" des Erholungshauses – dieser unvergleichliche Salon der Begegnungen – beeindruckte mich damals besonders: jenes von Siegfried Palm, mit der Widmung "Für Ulrike und Franz, für's Künstlerzimmer". Allein dieses Foto machte deutlich, was vor mir war. Der Cellist und die moderne Musik wie wenige vermittelnde Palm gehörte, als Externer, prägend zur Vorgängerzeit; ich hätte ihn nicht weiter engagieren müssen.
Ich bot ihm an, ein Jahr zu pausieren (er knurrte dazu), um die überfällige Alte Musik einzuführen; danach sollte er wieder, der jeweiligen Thematik folgend, die Reihe Sonntag um 11 gestalten. Den von mir geplanten Spielplänen bekam das gut; und das Publikum freute sich wieder auf den grossartigen zeitgenössischen Musikjongleur. In der im April 1996 herausgegebenen Broschüre "Zeit für Siegfried Palm" kann nachgelesen werden, wie sinnvoll diese 'Übernahme' war.

Auch die Bayer Philharmoniker wurden bei meiner Amtsübernahme nicht 'abgehängt'. Im Mai 1986 – nach einem Konzert des Orchesters in Luzern, auf Einladung von Bayer Schweiz; ich war noch Nyoner Bürger und Kulturtäter – erläuterte ich dem Dirigenten Rainer Koch meine Pläne und Projekte; auch die für das Orchester: Ich warb für die 'erzählten', konzertanten Opernaufführungen, mit Die Zauberflöte wollte ich beginnen, Fidelio und Freischütz sollten folgen, die beiden Bayerchöre wollte ich nutzen... Über seine Erleichterung war ich erstaunt.
Die Leistung dieses wunderbaren Werksorchesters (unter Erich Kraack bis 1972, unter Koch bis 2010) garantierten meinen Vorgängern und dann mir ein hochrangiges Konzertelement im eigenen Haus. In jedem wie auch immer gearteten Konzept hat so ein Orchester seinen Platz! Umso mehr schmerzt mich, dass dem Orchester und dem neuen Dirigenten Bernhard Steiner ein konstruktiver Dialog versagt wurde. Unverständlich ist auch, dass die Kulturaufsicht des Unternehmens dies zuliess. Ein Blick in die lange Liste der Konzert-, Opern- und Gastspielprogramme der Philharmoniker und die der mit ihnen aufgetretenen internationalen Solisten von A bis Z (von Arrau, Argerich bis Zacharias, Zimmermann) müsste doch jedem deutlich machen, was hier verpasst und vergeudet wurde.

Natürlich muss "ein Neuer" ein anderes Konzept haben und andere Zeichen setzen als sein Vorgänger; das wird erwartet. Dazu noch in einem Unternehmensumfeld, welches sich seit einigen Jahren so erkennbar ändert wie das von Bayer und in welchem die unmittelbare kommunikative Verwendbarkeit auch der Kultur mit der Zeit geht. Aber: in Zukunft werden Events, Highlights, "Erstmaliges" kaum genügen, um das auszufüllen, was den Wertebegriff Kultur ausmacht. Dieser ist nicht der Diener der Kommunikation; aber jene sollte ihm folgen, wenn sie klug ist.

In Interviews (FAZ-Magazin, Bonner Universitätsblätter, Kölner Stadtanzeiger, Dokumentation des zweiten ARD-Orchesterzyklus u.a.) wurde ich immer wieder gefragt, warum mir die in Mode gekommene "Eventisierung" der Gesellschaft und der Kultur so zu schaffen mache und warum ich mich gegen diese Vereinnahmung so genervt wehre. Ich resümiere das vor über zehn Jahren Gesagte:
"… Das ist wie eine Schreckensvision, gegen die ich mich mit meiner ganzen Kraft stemme, um die Träume, die ich habe, zu konkretisieren. Das ist ein dauernder Kampf, eine Art Don-Quichotterie, mit dem Unterschied: Don Quichotte kämpfte gegen Windmühlen; wir dagegen – wenn wir unseren künstlerischen und kulturellen Überzeugungen folgen – kämpfen gegen inhaltlose Platitüden, gegen ein kommerzielles "dumming-down" der Gesellschaft, die sich immer mehr von den Göttern entfernt und nach Götzen schreit. Michel Plasson hat das einmal so formuliert: "Unsere Arbeit ist ein Schutzwall gegen den Hass, das Hässliche und die Dummheit". Diese Aussage ist treffend und fürchterlich zugleich: Wir bauen also nicht mehr auf, wir erweitern also nicht mehr nur. Unsere Arbeit ist heute zu einer Art Gegenmechanismus geworden. Unser kultur-gesellschaftlicher Auftrag lautet also: verhindern, dass es noch schlimmer wird; kämpfen, damit Werte nicht erstickt werden; düngen, damit – das klingt paradox – Humus gedeiht; Kreativität und Inhalte mobilisieren, damit Kultur nicht zum Kult degradiert wird. Also: permanent und unbeirrt gegen den Strom schwimmen...".

Meinen Nachfolger habe ich in meiner Abschiedsrede im September 2008 nicht nur auf die von mir praktizierte Priorität des Künstlerischen hingewiesen, sondern ihm auch ein substantielles "Gegen-den-Wind-halten" empfohlen und hinzu gefügt, "dass die dabei entstehenden Falten nur schöner machen". Lachen und Beifall im Saal liessen nicht erkennen, ob diese Botschaft verstanden wurde.

Gerechterweise muss angefügt werden, dass es die Leiter der Bayer-Kulturabteilung von 1946 bis 2008 leichter hatten: Erna Kroen, Franz Willnauer und ich folgtem einem Auftrag, in welchem der Mensch und das Unternehmen im Mittelpunkt standen, und dies konzentriert auf den zentralen Standort Leverkusen (mit der Einbindung der anderen Werk-Städte in NRW: Wuppertal, Dormagen, Krefeld-Uerdingen konnten wir erst 1992 beginnen). Wir waren wie auf einer Insel und keinen Kommunikationsmechanismen ausgesetzt. Herbert Grünewald, Vorstandsvorsitzender bis 1984, hat dies einmal auf den Punkt gebracht: "Wir verkaufen kein Aspirin mehr, wenn wir Kultur fördern". Sein Nachfolger Herrmann J. Strenger sagte mir bei meinem Dienstantritt im Herbst 1986: "Helfen Sie mit ihrer Kulturarbeit, dass die Menschen draussen Bayer besser verstehen".

Dieses Klima ist in einer Broschüre nachlesbar, in welcher sich – während der Europäischen Spielzeit 1992/93 – leitende Köpfe des Unternehmens zu der von uns, den Kulturmachern, vorgegebenen Thematik "Mensch-Unternehmen-Kultur" geäussert haben: der Aufsichtsrats- und der Vorstandsvorsitzende, der Werksleiter, der Personalchef (und Präsident der Bayer Philharmoniker), der Betriebsratsvorsitzende (und Vorsitzende des Kulturausschusses), der Leiter der technischen Berufausbildung (und Leiter der Fussballabteilung Bayer 04), der Leiter des Umweltschutzes, der Leiter der Rechtsabteilung, der Finanzvorstand (und oberster Kulturchef), der Leiter der Kommunikation, der Leiter des Geschäftsbereiches Kautschuk (und Präsident des Bayer Männerchores). Sie alle plädierten, mit zum Teil überraschenden Aussagen, für die Werte einer glaubwürdigen Unternehmenskultur, welcher wir, als Kulturprofis und Überzeugungstäter, gern verpflichtet waren. Eine Persönlichkeit fehlte jedoch in dieser Dokumentation: der bereits pensionierte, immer über den 'Bayerrand' hinausblickende Arbeitsdirektor Eberhard Weise. Sein intelligentes Engagement für die Bildung und Kreativität der Mitarbeiter und Vertrauensleute war beispielhaft; und seine klugen Impulse in die lokale Kulturszene sind bis heute eine Orientierung. Zahlreiche Publikationen bezeugen diese Initiativen: "Arbeiter diskutieren Moderne Kunst" mit Max Imdahl, "Aktives Lesen" mit Werner Grebe, "Lebensraum Arbeitsplatz" mit Harry Plein u.a. Jedem aufwärts strebenden Personal-Manager empfehle ich, sich dies einmal zeigen zu lassen und darüber nachzudenken, was es heute da zu tun gäbe.

Ein weiterer Vorteil war die Aufsicht der Kulturarbeit durch zwei Ebenen: ein Vorstandsmitglied und ein delegierter Direktor – beide kulturversiert – vertraten die Kultur inhaltlich und waren "Fachvorgesetzte"; der Werksleiter und sein Koordinator – kulturafin auch sie – garantierten "in Linie" alle praktischen Aspekte. In dieser bis 2002 funktionierenden Flankierung, die sich durch schnelle Abstimmungen auszeichnete, entwickelten wir unsere Konzepte und setzten sie um. Auch als danach die Doppelaufsicht auf nur eine Struktur vereinfacht wurde, konnte die Arbeit ohne Einschränkungen fortgeführt werden: die über viele Jahre eingespielte inhaltliche, personelle und hierarchische Konstellation liess – auch bei Problemen und Konflikten, bei selbstbewussten Kulturmachern unvermeidlich – keinen Sand ins Kulturgetriebe kommen.
Hinzu kamen schlank gehaltene Mechanismen, welche die damalige Werksleitung erarbeitet hatte: Vorschriften und Papierkram waren auf das Erforderliche beschränkt und erleichterten das Arbeiten. Unser interner Kulturbetrieb konnte deshalb 'bei offenen Türen' und quasi 'auf Zuruf' funktionieren. Um diese Art von strikter und doch verständnisvoll-kooperativer Kulturaufsicht und vertrauenden 'Machen-Lassen' (welches bis Anfang 2007 anhielt) wurden wir in der Profession oft beneidet.

Schnappschuss (Hanne Engwald), vor dem offiziellen Jubiläumsfoto 2007 der "Kultis" im Saal des Erholungshauses.

In einer solchen Atmosphäre entstand Anfang 2004, ein Jahr vor meiner vertraglichen Pensionierung, bei mir der Wunsch, den hundertsten Geburtstag von Kulturabteilung und Erholungshaus im Jahr 2007 bzw. 2008 selber zu gestalten und dies keinem Neuen zu überlassen. Der Vorstand stimmte zu, mein Vertrag wurde entsprechend verlängert.
Wir begannen, ein Konzept zu erarbeiten, in welchem sich die Bayer-Kulturgeschichte und die am 20. Jahrhundert orientierten Theater-, Konzert-, Ballett- und Filmveranstaltungen zu einer Spielplan-Dokumentation ergänzten und deutlich machten, was in Leverkusen gefeiert wurde – inklusive der eigenen Kunstsammlung, der Werksensembles und dem BDI-Kulturkreis. Die beiden Jubiläums-Spielpläne "Ein Jahrhundert Bayer. Kultur" und "Ein Kulturhaus wird hundert" waren representativ für unser Vermögen, Inhalte zu definieren und dies sicht- und erlebbar zu machen.

Der Bundespräsident trägt sich ins Gästebuch ein; dahinter Werner Wenning, Jürgen Rüttgers und Nikolas Kerkenrath im Gespräch.

Mit dieser Substanz und Qualität konnte – auch dank der Glaubwürdigkeit der Unternehmensleitung – Bundespräsident Horst Köhler und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers gewonnen werden, zum Kulturjubiläum im aufwendig dekorierten Erholungshaus zu sprechen.
Wir hatten schon mit einigen hohen Schirmherren und Festrednern grosse Spielzeiten eröffnet und viel Aufmerksamkeit erzeugt (siehe auch "Kulturelle Kommunikation"). Doch diese war, so der treffende Kommentar eines Vorstandsmitgliedes, "nicht mehr zu toppen". Er hatte recht: die beiden Kultur-Jubiläumsfeste 2007 und 2008 waren Meilensteine in unserer Geschichte und machten uns, die Mitarbeiter/innen der Kulturabteilung und die des Erholungshauses, stolz auf unsere Arbeit.
Es wurde aber doch noch 'getoppt': mit dem Projekt "Ein Jahrhundert Bayer.Kultur" wurde die Bayer AG Sieger im Unternehmenswettbewerb 2007 der Initiative "Freiheit und Verantwortung", ausgeschrieben von den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft, unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Das "herausragende gesellschaftliche Engagement" wurde im Berliner Schloss Bellevue gewürdigt. Werner Wenning nahm, sichtbar stolz über diesen Gegenbesuch, die Urkunde der Auszeichnung entgegen. Nicht genug: auch intern wurde der Jubiläumsspielplan "Ein Jahrhundert Bayer.Kultur" ausgezeichnet: mit dem Sonderpreis für aussergewöhnliche Kommunikationsleistungen, vergeben durch die Bayer AG im Februar 2008. Mit dem uns hervorragend betreuenden 'Öffentlichkeitsarbeiter' Oliver Günther konnte ich vom Leiter der Kommunikation, Heiner Springer, eine Auszeichnung entgegen nehmen, die – aus meiner Sicht: endlich – darüber hinaus auch einen über zwanzig Jahre geleisteten internationalen Beitrag zum Unternehmensimage honorierte.

Besonders zufrieden war ich über zweierlei: auf die durch unsere Initiative hin in die Jubiläumssaison integrierte Jahrestagung des renomierten BDI-Kulturkreises, welche erstmals bei einem Mitgliedsunternehmen durchgeführt wurde (im Oktober 2007); und darauf, dass, ebenso erstmals, ein repräsentativer Teil der Bayer Kunstsammlung hintereinander in drei Teilen – von November 2007 bis Mai 2008 – in Leverkusen gezeigt wurde, im Erholunghaus, dem unternehmenseigenen Kulturhaus. Konzeption und Hängungen waren ein Meisterstück der Kunstreferentin Rike Zoebelein, die das Unternehmen leider verlassen hat.
Umso mehr ist zu bedauern, dass im Katalog der grossen Bayer-Kunstschau im Berliner Martin-Gropius-Bau im Frühjahr 2013, anlässlich des 150-jährigen Firmenjubiläums, nicht auf diese Vorstufe (und einiges mehr) hingewiesen wurde. In Leverkusen entstand im Juni 2007, nach der Vorstellung des Jubiläumsspielplans im grossen Saal des Erholungshauses, beim anschliessenden Empfang im Künstlerzimmer, lanciert von Norbert Drekopf, die Idee einer zukünftigen Ausstellung in Berlin; und dies gerade auch wegen der damals noch neuen, stärkeren Unternehmenspräsenz in der Hauptstadt!
Warum wird 'unsere' Bayer-Kunstschau der Jubiläums-Saison 2007/08 (Einblick I und II ) verschwiegen? Weil sie 'vorher' stattfand und nur in Leverkusen? Prägende gute Vorgeschichten sollten nicht unter den Tisch gekehrt werden; sie erweitern Glaubwürdigkeit und Ansehen.

Zweiundzwanzig Kulturjahre sind vergangen wie ein einziger grosser Zyklus von miteinander verknüpften Ereignissen. Das beeindruckt und bewegt mich noch heute, mit fünf Jahren Abstand. Die Menschen treten in den Vordergrund, die an diesem Werk mitgewirkt haben. Einige Kollegen meines Starts habe ich eingangs erwähnt. Im Laufe der Zeit ergaben sich Wechsel, die zu einer neuen Harmonisierung führten, fachlich und kollegial. Da waren: die grossartige Theaterarbeit von Roland Lillie (mit seinem Herz für die Jugend und Kinder, und für Berlin) und die Fortsetzung dieser durch Reiner E. Ohle (der mit Projekten, Jazzserien und in der lokalen Kulturszene schon vorher Akzente gesetzt hatte); das thematische, in der Musikwelt beachtete Konzertgestalten mit den Nachfolgerinnen von Ulrike Schmidt – Larissa Schenck, Marie Kotzian und Carolin Sturm; die Europäisierung und Öffnung von Ballett und Tanz mit Christiane Dünnwald, Bettina Schneider, Wanda Puvogel und wieder Bettina (jetzt) Welzel; das Ausstellen unterschiedlichster Künstler und Kunstrichtungen aus der ganzen Welt mit Elisabeth Bott und dann mit Rike Zoebelein... Nur mit so motivierten Referenten war es möglich, Jahr auf Jahr, anspruchsvolle Spielpläne zu konzipieren, die oft den von uns definierten, zeitbezogenen oder kulturellen Vorgaben folgten.

Die "Kultis" und die Bitterfelder Aspirinkuh, auf der Bühne des Erholungshauses, anlässlich der Ausstellungsserie "Kunst aus Bitterfelder Sicht", 2004/05.

Zu diesem 'Anspruchsdenken' passten auch die anderen Mittäter/innen der Bayer Kulturabteilung: im Künstlerischen Betriebsbüro (Heike Weber, Ingrid Content und Christa Doyuran, Regina Bernt), im Karten- und Abonnementsbüro (Irene Piske, Inge Rojek; und dann Rainer Konertz, Rita Lattka), von Archiv und Post (Sigfried Milpetz, Claudia Gniech; und Petra Pietsch), die Künstlerbetreuerinnen (Isolde Bauer, Marina Dethoff und Anja Drus), die von mir geplagten Sekretärinnen (Gertrud Horlemann, Hanna Eurich, Daniela Westphal; und dann Marnie Schreiber) und – last but not least – Jutta Drews, die (nach Hannelore Wasow) seit 1997 die Verwaltung und das Betriebsklima kulturgerecht und konfliktfrei gestaltete. Zu uns gehörten auch die Top-Profis der technischen Mannschaft des traditionsreichen Erholungshauses, die sich nicht dieses "nicht mehr zeitgemässen" Namens ihres Kulturhauses schämten.

Uns allen war immer bewusst, dass wir – so hat das Franz Willnauer 1986 im Schlusswort seines Wirkens geschrieben – "unter dem kraftvollen Schutz eines kunstverständigen Patronats" stehen. In meinen zweiundzwanzig Kulturjahren im Haus Bayer habe ich mich an dem mäzenatischen Denken dieses Patronats orientiert. Die von mir 1986 aufgehängte Dokumentation Kulturarbeit bei Bayer war das Zeichen meiner Verpflichtung zu dieser Unternehmensphilosophie. Und der 1988 – bei Bayer France, von der Dynamik des dortigen Patrons Günter Oelke inspiriert – kreierte Slogan "Bayer, c'est aussi la Culture" konnte nur aus so einer Überzeugung heraus entstehen.

"Chapeau-bas!" all jenen, die dies im Vorstand und Direktorium in meiner Zeit gefordert, begleitet, beaufsichtigt und auch geschützt haben: Herbert Grünewald, Herrmann J. Strenger, Manfred Schneider, Werner Wenning; Eberhard Weise, Dieter Schaub, Helmut Loehr, Hans-Jürgen Mohr, Gottfried Zaby, Dieter Becher, Manfred Pfleger, Jochen Wulff; Heiner Springer, Jürgen von Einem, Michael Schade; Wilhelm Lang, Hans-Christian Kersten, Harald Richter; Dietrich Rosahl, Bertram Anders, Ludwig Schmidt, Jürgen Hinz; Günter Kaebe und Norbert Drekopf, welcher uns siebzehn Jahre betreut und dabei viel Kulturelles aufgenommen hat, was unserer Arbeit oft zu Gute kam.

Rolf Wetter wusste auch diesen Kulturaustausch zu interpretieren.

Doch damit nicht genug: ohne die Begeisterung und Zuverlässigkeit der Leiter der Bayer-Werke in Dormagen, Wuppertal, Krefeld-Uerdingen, Brunsbüttel, Antwerpen und Bitterfeld hätte die Erweiterung unserer Aktivitäten nicht realisiert werden können: Hartmut Fuhr, Heinz Bahnmüller, Walter Schulz, Bernd von der Linden, Walter Leidinger, Herbert Stillings, Dieter Maassen, Georg Frank – sie alle machten unsere Kooperation zur Chefsache und begrüssten eine hiermit verbundene, andere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Und diese Wahrnehmung war Sache von eingespielten Kommunikationsprofis, deren Eingehen auf unsere Besonderheiten schon beeindruckend war: die 'Helfer-Kette' der Nelles - van Loon - Seegers - Gemke - Sprink - Endlein - Rempe - Döring - Janacek - Wetzel - Nassenstein und O. Günther war gleichzeitig Richtlinie, Betreuung und Schutz. Da sich gegenseitiges Vertrauen aufgebaut hatte, konnten auch einige Male – immer kulturelle, aber nicht unbedingt unternehmensrelevante – 'Eigenwilligkeiten' von mir abgefedert werden!

Das systematische Kultur-Brückenbauen in Europa, nach Asien, Lateinamerika, in die USA u.a. war eine logische Folge unserer Expansionslust, welche wir, unter der Schirmherrschaft des Vorstandes, auf die jeweiligen Länder- und Regionensprecher übertragen konnten: über dreissig Kooperationen konnten so realisiert werden. Eine Kulturweltkarte entstand, von einem anderen Slogan begleitet: "Wirtschaftsräume sind auch Kulturräume" ("Economic regions are cultural regions, too" – das Konzept sollte überall verstanden werden). Leider konnte ihr nicht mehr, wie auf beiden Seiten bereits angedacht, Bayer Mexiko hinzu gefügt werden, welches im Jahr 2010 seinen hundertsten Geburtstag feierte. Das Kulturschiff von Bayer hatte, nach seiner jahrelangen Weltreise, inzwischen einen anderen Kurs aufgenommen: an die Spree nach Berlin, und dort angelegt.
Der Erfolg der NRW-regionalen und internationalen Kooperationen stärkte auch unser Ansehen im Unternehmen selbst. Das wurde deutlich, als vor über einem Jahrzehnt Bayer eine grosse Krise zu meistern hatte. 'Mein' letzter Werksleiter sagte mir damals, nach einem Konzert in Wuppertal, dass der Vorstand trotz der schwierigen Lage unser Konzept gutheisst und wir die langfristigen Planungen fortsetzen können. Wir waren erleichtert und starteten wieder durch; und eine Saison später eröffnete der neue Vorstandsvorsitzende Werner Wenning, zusammen mit dem damaligen Bunderpräsidenten Johannes Rau und der finnischen Staatspräsidentin Tarja Hallonen, die Spielzeit 2002/03 "Kulturräume im Norden".

 

Die von Rolf Wetter auf Notenpapier gezeichnete Kulturweltkarte.

Das Konzept der Kulturräume (das waren keine jener inzwischen vielerorts praktizierten, so genannten 'Länderschwerpunkte') war ein Aufspüren von bevorstehenden geschichtlichen, politischen oder kulturellen Anlässen: der zweihundertste Jahrestag der Französischen Revolution führte zur Saison Française; das Gestreite um die Verträge von Maastricht zur Europäischen Spielzeit; der sich abzeichnende Zusammenbruch der Sowjetunion zur Russischen Spielzeit; der Jahrhundertwechsel 1999/2000 (und hundertste Geburtstag von Bayer-Austria) zu "Wien,Wien – nur Du allein!", kontrastiert mit einem Berliner Theatertreffen in Leverkusen; die Gruppierung der Länder Mitteleuropas prägte den Spielplan "Reformländer? - Kulturländer!"; zum zweihundertsten Geburtstag von Hector Berlioz entstand eine deutsch-französische Hommage...
Wir hatten 'Witterung aufgenommen'! Darüber hinaus faszinierte mich die Neuordnung der Bayer-Wirtschaftsregionen und wurde, ermutigt durch einige Vorstände und Ländersprecher, neugierig auf die Kunst in China, Korea, Japan, Indien, Brasilien, Argentinien, Guatemala, Columbien, Südafrika, Türkei, Australien... und auf die Corporate Collection von Bayer in Pittsburgh. Ein grossartiges, ein auf- und anregendes Feld tat sich auf und forderte das Wissen und Können der beiden Kunstreferentinnen, sowie das der Partner vor Ort. Aus den europäischen Ländern bzw. Regionen waren immer alle Sparten – Theater, Musik, Tanz, Kunst, Film – in einem Spielplan vertreten, wenn dieser thematisch fokussiert war. Dagegen wurde die Bildkunst 'aus der weiten Welt' exclusiv herausgestellt, mit allem, was in einem Unternehmen wie Bayer möglich war. Hier zeigte sich auch die Attraktivität des Unternehmens und seine Anziehungskraft auf Politik und Wirtschaft. Nachträglich kann ich verstehen, warum dies alles in einer kritischen Phase zu unseren Gunsten ausschlug.

In dem umfangreichen, zur Berliner Ausstellung der Bayer Kunstsammlung erschienenen Buch sind mit keinem Wort diese unternehmens-typischen Kunstausstellungen erwähnt, die über Leverkusen und Bayer hinaus Beachtung fanden und immer mit mehrsprachigen Katalogen dokumentiert wurden. Da fehlt doch ein wichtiges, ein zwei Jahrzehnte ausfüllendes Element zu einem kompletten Bild des bei Bayer praktizierten Kunstzeigens!
Dass darüber hinaus grosse Einzelausstellungen (Vallotton, Hodler, Schiele, Dix, Erfurth, Masson, Strub, Jansen, Chillida, Aloïse / Wölfli, Chujkov, Vostell, Grataloup...), oder die regelmässigen Präsentationen bedeutender deutscher Museen, Sammlungen und Galerien – oft mit Kunst (wie es in einem anderen Zusammenhang heisst) "internationaler Grössen", oder das vierteilige, nach dem Bayerstandort Bitterfeld so benannte Ausstellungsprojekt "Kunst aus Bitterfelder Sicht" ebenso unerwähnt bleiben – das ist in diesem komplexen Auslassen leider logisch.

Rike Zoebelein

Rike Zoebelein, die Wandaufträge der 99. Spielzeit präsentierend.

In demselben Katalogbuch fehlt der Hinweis auf die professionnelle Erfassung und Inventarisierung des Unternehmens-Kunstbesitzes durch die 1995 hierfür engagierte Rike Zoebelein. Ihre Arbeit war so überzeugend, dass ihr darauf hin die Konzipierung und Einrichtung der neuen Artothek übertragen wurde; ebenso die Organisation und Betreuung mehrerer Kunstausstellungen (u.a. die aus Guatemala, Kolumbien, Indien, Russland; sowie 2006/07 das spektakuläre Gestaltungsabenteuer im Erholungshaus "Wandauftrag I und II – Künstler aus Berlin"). Ihre umfassende Kenntnis der Bayer-Kunst kam ab 2002 auch dem klugen Hängekonzept in der neuen Unternehmenszentrale zugute. Warum ist sie nicht als Nachfolgerin von Elisabeth Bott (Kunstreferat der Kulturabteilung) aufgeführt? Ist das alles denn, in einem so repräsentativen Kunstbuch, nicht wissens- und nachlesenswert?

Beispiel einer Spielzeit internationaler Kunst in Leverkusen.

Bedauerlich ist das Weglassen einer anderen Vorgeschichte: Auch die Pittsburgher "Bayer Colletion of Contemporary Art" wurde in Leverkusen vorgestellt: zehn Jahre vor der Übernahme durch Bayer/Leverkusen, von Ende Februar bis Mitte April 1996, gleichzeitig in den Foyers des Erholungshauses und der damaligen Unternehmenszentrale W1. Die aus Pittsburgh zurückgekehrte Uta Miksche, deren Kunstseminare seit 1993 unsere Spielpläne ergänzten, hatte mich auf diese singuläre Sammlung aufmerksam gemacht. Ihre guten Kontakte zum ehemaligen President and Chief Executive Officer of the Bayer Corporation Konrad Weiss und seiner Frau waren dort überzeugend; und Vorstand Helmut Loehrs Fürsprache bei dessen Nachfolger Helge Wehmeier bewirkte das 'ok' in Pittsburgh.
Uta Miksche, die beide Ausstellungsteile und den Sammlungskatalog konzipierte, gab dieser deutschen Ausstellungspremiere den selbtbewussten Titel "Masters of Tomorrow". Die Kunstkenner in Nordrhein-Westfalen entdeckten Bilder einer Sammlung, die während der Leverkusener Ausstellungszeit in der Pittsburgher Bayer-Zentrale – kahle Wände hinterliessen.
Es ist schon Ironie, dass im Bayer-Kunstbuch ein Zitat des Wehmeier-Textes, die Pittsburgh Collection betreffend, dann abgebrochen wird, wenn es heisst:
"… This catalogue was prepared to share our art works with a broader audience, communicating more widely their enriching force and character. In this spirit, the Cultural Affairs Department of the Bayer Group has arranged to exhibit the "Collection" at the Bayer Group's headquarters in Leverkusen, Germany, during spring 1996...".
Ich kann nur wiederholen: gute Vorgeschichten...

Befremdend ist die Art der Erwähnung meines 22-jährigen 'Beitrags' zum Ausstellungsbereich der Kulturabteilung, nachzulesen im selben Katalogbuch der Sammlung Bayer, in der kurzen Rubrik 'ars viva' (wo es gar nicht hingehört): "Mit dem neuen Leiter der Bayer-Kulturabteilung, Nikolas Kerkenrath, eroberte sich seit 1986 auch das Medium Fotografie einen festen Platz in den Ausstellungen." — Punkt. Schluss!

Warum werden, zu recht, die Kunst relevanten Besonderheiten der Ären Kroen und Willnauer geschildert, aber die meiner Zeit ausgeklammert? Warum werden die von mir programmierten (im selben Katalogbuch so bezeichneten) Ausstellungen "internationaler Grössen" Otto Dix und Egon Schiele in der Vorgängerzeit aufgeführt, obwohl diese beiden Ausstellungen Teil meiner zweiten Spielzeit 1988/89 waren, im Verbund mit zwei Bauhaus-Künstlern und einer Hommage des Fotografen Hugo Erfurth?

Ich wüsste gern von den Konzeptoren und Herausgebern des Buches zur Bayer Kunstsammlung: Warum wird – in einem so repräsentativen Dokument – so unterschiedlich gewichtet? Warum kann ein Unternehmensorientiertes, weltweites Ausstellungs- und Kommukationskonzept von über zwanzig Jahren ganz einfach ausgeblendet werden, ohne dass es jemand merkt? Oder gar nicht merken soll? Honni soit qui mal y pense!

 

Ja – ich habe umgehend, mit der complicité der damaligen Kunstreferentin Elisabeth Bott, die Fotografie in den Ausstellungsbereich aufgenommen, mit starken Partnern in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, in Belgien, in Russland und vor allem mit den Cahiers de la Photographie, dem Bildforum der Agfa und der Fotografenagentur Bilderberg. Wir waren jahrelang Partner des Internationalen Preises für jungen Bildjournalismus in Herten.
Wir waren uns nicht zu schade, dem damaligen Foto- und Filmclub von Bayer zum vierzigjährigen Bestehen eine Dokumentation zu ermöglichen. Es gab fast keine Spielzeit ohne eine wichtige Ausstellung des Mediums Fotografie, die oft exportiert wurde; und das war gute Werbung. Die Fotografie hatte ab 1986 eine beachtete Adresse: die Bayer Kulturabteilung.

Ich habe den Film in unsere Spielpläne integriert, in einer beispielhaften Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Kino Leverkusen und dem Jazz eine Plattform gegeben, zur Freude des fantasievollen Jazzkenners Reiner E. Ohle und der Jazzfans in Leverkusen. Wir haben, schon lange bevor das zur Priorität erklärt wurde, aus Berlin unsere 'Kulturhauptstadt' gemacht und regelmässig fast alle Theater, grosse Orchester (auch das der Deutschen Oper) und Kunst in die Spielpläne integriert; mit zuverlässigen Partnern wie die Akademie der Künste, die ROC-Berlin, die Botschaft von Frankreich, der BDI-Kulturkreis...
Zweimal wurden alle Radio-Orchester der ARD nach Leverkusen eingeladen (1993/94 und 1999/2000), mit hunderten von Sendestunden in viele europäische Länder (das war Werbung!); dies wurde beispielhaft dokumentiert. Ich habe 1988 eine Verjüngungskur der Bayer Philharmoniker initiert: die Personalchefs des Unternehmens (und Präsidenten des Orchesters) Gerd Wiedemeier / Harald Richter / Herbert Kötter und der Betriebsrat haben dabei über viele Jahre grossartig 'mitgespielt' (das waren Netzwerke!). Mit Rainer Koch wurden 1992 die Silvester- und Neujahrskonzerte der Philhamoniker und, mit der Musikreferentin Carolin Sturm, die Kinder- und Familienkonzerte aus der Taufe gehoben. Kurz – mit einem tollen Team habe ich das konzeptionell umsetzen können, für was ich 1986 engagiert worden bin.

Wir haben, zusätzlich zu den zahlreichen Kunstkatalogen, spielplanbezogene Publikationen (Klassik- und Jazz-CDs, DVDs, Bücher... siehe auch Kultur-Tandem.) herausgegeben oder produzieren lassen. Damit keiner später sagen kann, dass da nichts war! Hierzu gehörte das sogenannte "Faltblatt" in tausendfacher Auflage, das dreisprachig unsere Kulturgeschichte und unsere Arbeit skizzierte und mit einer langen, regelmässig komplettierten Auflistung der bei uns aufgetretenen internationalen Orchester, Dirigenten, Solisten, Ballett- und Tanzcompagnien, Schauspielern, Theatern und der in Leverkusen gezeigten Kunstausstellungen alle – im In- und im Ausland – beeindruckte. Dieses Faltblatt wurde überall dort eingesetzt, wo wir tätig waren; die Kulturweltkarte zeigt, wo.

Eine spektakuläre Initiative, eine der aufregenden Kooperationen von Bayer und Stadt, 1990.

Vehement habe ich mich für die Unabhängigkeit unserer Kulturarbeit stark gemacht, nach innen und nach aussen; einige städtische Politiker haben so manches Mal versucht, mich von diesem Kurs abzubringen. Wenn es Sinn machte, haben wir sehr gut mit und in der Stadt kooperiert: Wiederholt mit dem überragenden Museumsleiter von Morsbroich, Rolf Wedewer (schon wieder diese Kunst!): eine dieser Kooperationen – das von mir angeregte, gleichzeitige Ausstellen der von Wedewer geprägten Leverkusener Kunstsammlung, im Schloss Morsbroich und im Erholungshaus im Herbst 1995 – wurde vom damaligen Kulturdezernenten fast verhindert… Regelmässig kooperierten wir mit der städtischen Musikschule, mit dem städtischen Kulturamt, mit mehreren Schulen in der Stadt, mit der Westdeutschen Sinfonia, mit der lokalen Künstlerszene, für die Konzerte Leverkusener Musiker, mit dem Kurt-Lorenz-Preis; und darüber hinaus mit dem Internationalen Jazz-Festival und, bis zu deren Auflösung, mit dem Internationalen Tanzfestival NRW. Die Zusammenarbeit mit Ute Maders kommunalem Kino habe ich bereits erwähnt.

Eine Kooperation mit der Stadt ist mir nicht gelungen. Für mich gehörte 1989/90 zur "Saison Française" eine Partnerstadt in Frankreich; auch wegen des zeitgleich eingeführten französischen Zweigs im Heisenberg Gymnasium und des intensiven Französischunterrichts im Freiherr-von-Stein-Gymnasium. Über Bayer France liess ich die noch nicht verbandelten, vergleichbaren Städte herausfinden; darunter waren Le Havre, Nanterre, Limoges und Villeurbanne bei Lyon. Die letztere hatte ich deshalb vorgeschlagen, weil die Parität stimmte: die Grösse und Struktur, die von einer alten (römischen) Cité ausgehende moderne Stadt, die Lage an einem grossen europäischen Fluss. Die Konstellation Leverkusen-Köln-Rhein war historisch und aktuell, geografisch und kulturell wie geschaffen, um sich partnerschaftlich Villeurbanne-Lyon-Rhône zu nähern. Das Bereisen wäre durch die intensive touristische Axe Nord-Süd ohne Umweg möglich gewesen: alle Wege nach Südfrankreich und Spanien führen dort vorbei; für die wirtschaftlich starke Region Rhône-Alpes war das ebenso starke Nordrhein-Westfalen immer attraktiv.
Mit dem wohlwollend-neugierigen Segen der Werksleitung und im 'offiziösen Auftrag' vom damaligen Oberbürgermeister Horst Henning stellte ich einen Kontakt zu seinem dortigen Kollegen Charles Hernu her, der für das von mir geschilderte Leverkusen bald Interesse zeigte. Das nächste Gespräch in Villeurbanne sollte zu einer gegenseitigen Absichtserklärung führen, zu der es aber nicht kam: in Leverkusen blockierte die politische Opposition dieses Vorhaben...
Es blieb, wie wir wissen, nicht das einzige Mal, dass Fraktionen des politischen Leverkusens mich ihre Verärgerung über die von mir durchgesetzte Eigenständigkeit spüren liessen. Leider wurde von diesen dabei immer übersehen, dass die kulturelle Autonomie der beiden Seiten dem gesamtstädtischen Kulturprofil viel mehr genutzt hat, als alle angeträumten Mischrechnungen. Auch in der Politik ist Weitsicht nicht immer allen gegeben; und Anerkennung noch weniger. Meiner Verbundenheit zu Leverkusen konnten diese Scharmützel nichts anhaben.

 

 

Dieses nostalgische Bild von Helmut Hungerberg aus dem Jahr 2000, "Häuser in Leverkusen" – ein Abschiedsgeschenk von Oberbürgermeister Ernst Küchler im September 2008 – erinnert daran, dass da Vieles war und noch Einiges ist. Ein Bild, in das sich die erste Kulturstätte dieser Stadt, lange bevor diese Leverkusen hiess, leicht hinein denken lässt: "Das Erholungshaus", das Kulturhaus von Bayer aus dem Jahr 1908; es hat die Kulturgeschichte der Stadt und der Region im Wesentlichen mitgeschrieben.
Ein anderer Leverkusener Künstler hat 1997 diese lebendige und anerkannte Stätte zu interpretieren gewusst: Rolf Wetter. Er überreichte mir zum Abschied das Original eines Auftragbildes, erstellt zum neunzigsten Geburtstag von Kulturabteilung und Erholungshaus. Ich gab dem Bild den selbstbewussten Titel: "Die Künste durchbrechen Mauern".

 

 

Ich habe dem Haus Bayer zweiundzwanzig Jahre – wie es hiess: "... mit Phantasie, Herzblut und Esprit..." – gedient und einiges zu seinem Ansehen beigetragen. Meinen guten kulturellen Ruf verdanke ich auch dieser 'Bühne'. Meine Kollegen und ich – wir waren "die Kultis", das war was! – haben unser anspruchsvolles Publikum gefordert, unterhalten und gebildet; entsprechend der Ursprungsthese von 1907 "Kulturarbeit ist auch Bildungsarbeit". Das ist zwar nicht 'modern', aber immer wichtiger!
Ich habe mich Moden und Modernismen nicht angebiedert, bin so manches mal gegen den Strom geschwommen und habe oft "gegen den Wind gehalten". Meine Eitelkeit habe ich kulturell kuriert und liess Selbstherrlichkeit, Machtbesessenheit und Neid (auch in unserer Profession leider vorhanden) nicht aufkommen.
Die Arbeit meiner Vorgänger Caspari - Kroen - Willnauer wurde geachtet, auf ihren kulturellen Leistungen aufgebaut, das Künstlerische zur Priorität erklärt und auch damit unsere kulturelle Glaubwürdigkeit gestärkt – nach innen und nach aussen.
Ich bin dankbar, dass dies alles möglich und so erfolgreich war. Damit das, was wir geschaffen und bewirkt haben, nicht 'vergessen' werden kann, ist es hier skizziert und nachlesbar.

 

Meine Rückblende der Leverkusener Zeit beende ich mit einer Variante zu Heinrich Heines "Nachtgedanken" (Denk' ich an Deutschland in der Nacht...), welche ich, von Konrad Beikirchers eleganter Regie ermutigt, am Schluss der Präsentation unseres Spielplans "Ein Kulturhaus wird hundert" Anfang Juni 2008 im vollbesetzten Saal des Erholungshauses euphorisch vorgetragen habe:

 

"Denk' ich an Bayer in der Nacht / dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich will nicht mehr die Augen schliessen / Ideen statt heisser Tränen fliessen.
Des Nachts durch meine Fenster bricht / des Bayer-Kreuzes helles Licht.
Frau Muse küsst mich in den Morgen / verziert schnell kunstvoll alle Sorgen."

Dann habe ich mich aus der Umarmung der Muse gelöst und etwas konkreter resümiert:

"Seit hundert Jahr'n gedeiht die Eiche / unserer Prioritätskultur.
Sie wär' schon lange eine Leiche / hätt' einer sie gemanagt nur.
Ein fünftel dieser hundert Jahr' / durft' ich ihr Gärtner sein.
Fast immer war es wunderbar / darob schlaf ich ganz ruhig ein."

 


 

Köpfe. Eine kleine Fotogalerie.

Dank aufmerksamer Fotografen bleiben einige Köpfe 'im Bild', deren Denken, Handeln und Wohlwollen für meine Arbeit wichtig und bereichernd waren.

Wilhelm Lang

Den Anfang macht ein Portraitfoto von Wilhelm Lang: er und Günter Kaebe schlugen mich im Januar 1986 dem Vorstand, der Werksleitung und dem Betriebsrat als neuen Leiter der Bayer Kulturabteilung vor.
Wilhem Lang war Leiter der Abteilung Konzernfinanzen, Fachvorgesetzter der Kulturabteilung und Präsident der Bayer Philharmoniker. Günter Kaebe leitete die Struktur der Werksleitung und war Verbindungsmann zur Stadt Leverkusen; er ist der Initiator von Jugend forscht. Das Gespann Lang-Kaebe half "dem Neuen", sich ins komplexe Unternehmensgefüge zu integrieren und mit der Realisierung seines Konzeptes zu beginnen.
Die weiteren Fotos sind kulturelle Schnappschüsse und, bis auf eins, 'made by Bayer'.

 

Er war die damalige Unternehmenskultur in Person: der frühere Vorstands- und spätere Aufsichtsratsvorsitzende Herbert Grünewald; hier mit Gattin als Ehrengäste der Eröffnung der "Saison Française" im Théâtre des Champs Elysées in Paris am 12. September 1989. Erstmals wirbt der Slogan "Bayer – c'est aussi la Culture" für unsere Arbeit.

 

Nach dem Eröffnungserfolg im Foyer des Théâtre des Champs-Elysées: Manöverkritik mit dem energischen Patron von Bayer France, Günter Oehlke (r.); dahinter Günter Kaebe und Paul Laux, der Betriebsratsvorsitzende von Bayer.

 

Ein eleganter kultureller Handkuss: der Bayer-Vorstandsvorsitzende Herrmann J. Strenger bedankt sich bei Juliette Gréco für ihr hinreissendes Chansonrezital zum Abschluss der Festlichen Eröffnung der "Saison Française" am 1. Oktober 1989 im Bayer Kasino in Leverkusen.

 

Zehn Jahre mein oberster Chef: Helmut Loehr, Vorstandsmitglied und trotzdem immer direkt ansprechbar! Das kürzeste und internationale Kompliment unserer Arbeit ist von ihm: "High Tech – high Culture". Hier mit dem Schauspieler Kurt Meisel (Rocco-Sprecher) nach der konzertanten Aufführung von Beethovens Oper "Fidelio" (Erzähltext Walter Jens) durch die Bayer Philharmoniker unter Rainer Koch in Leverkusen, Wuppertal, Essen und in der Kölner Philharmonie im Juni 1991.

 

Vorstandsmitglied und Europasprecher Hans-Jürgen Mohr (2.v.r.) und Werksleiter Ludwig Schmidt (r.) waren, nach der Zeit Loehr / Anders, eine sich gut ergänzende Doppelaufsicht: in ihre Zeit fiel der 90. Geburtstag von Kulturabteilung und Erholungshaus, die "Russische Spielzeit", "Wien, Wien – nur du allein", die dreijährige Trilogie "Kulturraum Flandern", "Reformländer / Kulturländer", "Kulturräume im Norden"; sie haben die Beziehung Kultur / Wirtschaft im Unternehmen noch gestärkt. Hier mit dem Komponisten-Dirigenten Krzysztof Penderecki und dem polnischen Botschafter Andrej Byrt im Künstlerzimmer, im Januar 1998.

 

Mit Günter Kaebe funktionierte einfach alles im Werk und Umfeld. Für ihn waren Kultur, Sport und Vereine gleich bedeutende Qualitätssäulen im Unternehmen. Hier, im Februar 1992, mit dem inzwischen pensionierten und zum Chef der Fussballabteilung mutierten Kaebe bei der Taufe meines anderen mehrsprachigen Slogans im Foyer des Haberland-Stadions in Leverkusen (heute BayArena): "Bayer – das ist auch Sport".

 

1991 wurde Norbert Drekopf der Nachfolger von Günter Kaebe, von dem er auch die Betreuung von "Jugend forscht" übernahm. Er war bis zu meiner Pensionierung siebzehn Jahre lang ein wichtiger kultureller Verbindungsmann: zuerst zur Werksleitung, dann zum Vorstand, zur Unternehmenskommunikation, zur Stadt Leverkusen und – in der Vorbereitungszeit der Jubiläumssaison 2007/08 – in Berlin: zum Haus der Kulturen der Welt, zum BDI-Kulturkreis und zum Büro des Bundespräsidenten. Hier beim Empfang zu seinem Firmenjubiläum im damaligen Leverkusener Kulturtreff "K'1".

 

Die von Bayer und der Stadt gemeinsam getragene Kleinkunstkneipe "K'1" (auch das, wie die ehemalige "Galerie am Werk", eine 'Erfindung' von Eberhard Weise) wurde von 1987 bis 2005 von einer engagierten und fantasievollen Leverkusenerin geleitet: Ursula-Sabine von Gyzicki, die ein kluges Gespür für die komplexe Beziehung Bayer / Stadt hatte. Für ihr gesellschaftspolitisches Wirken wurde sie 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Bis heute ist sie eine der wenigen, glaubwürdigen Mahnenden in dieser Stadt, die immer wieder die Stimme gegen die Konzept- und Perspektivlosigkeit der Kulturverantwortlichen erhebt. Siehe hierzu Kölner Stadt-Anzeiger, 15. Februar 2014: "Leverkusen – eine Stadt von Kulturbanausen ?". (So eine Mahnende fehlt leider, um meiner früheren Wirkungsstätte ins kulturelle Gewissen zu reden.)
Foto: Ursula-Sabine von Gyzicki 1992 in dem von ihr geprägten Leverkusener "K'1".

 

Harald Richter wurde 1988 von Helmut Loehr zum Fachvorgesetzten der Kulturabteilung ernannt. Vier Jahre später wurde er Personalchef von Bayer und übertrug die Fachaufsicht der Kultur auf den inzwischen mit unserer Arbeit (und mir) vertrauten Norbert Drekopf.
Meiner Bitte folgend wurde Richter Präsident der Bayer Philharmoniker und blieb uns beratend erhalten. Hier im Mai 1996, anlässlich der von uns vermittelten Konzerte der Philharmoniker in Rio de Janeiro und Sao Paulo, zum hundertsten Geburtstag von Bayer do Brazil.

 

Vorstand Dieter Becher ermöglichte als Asiensprecher 1994 den kulturellen Sprung nach China, Korea, Japan, Indien. Sein Vorstandskollege Manfred Pfleger half zwei Jahre später, Kunst aus vier lateinamerikanischen Ländern in Leverkusen auszustellen. Im Bild: Dieter Becher mit dem indischen Kunstsammler Harsh Goenka im April 1998 während der Ausstellungs-Eröffnung "Gegenwartskunst aus Indien" im Erholungshaus.

 

Der Vorsitzende des Bayer Vorstands Werner Wenning begrüsst mit seiner Gattin die Gäste zur Verabschiedung von Jochen Wulff, dem ersten Vorstandsvorsitzenden von Bayer CropScience (BCS), im Tropicarium Monheim im April 2004. Von beiden erfuhr ich anhaltende, fordernd-fördernde Zustimmung für alle internationalen Kooperationen.
Jochen Wulff und sein Europachef Kurt Küssgen haben unseren kulturellen Brückenschlag in die Region Lyon zwischen 2002 und 2004, zur Zeit der Firmengründung von BCS, sehr geschätzt: Berlioz-Saison, Ausstellung Guy-Rachel Grataloup, Konzert der Bayer Philharmoniker, Kammermusikwettbewerb…
"Dies alles hat zum deutsch-französischen Zusammenwachsen von BCS auf der wichtigen, emotionalen Seite beigetragen" – so Jochen Wulff in einem Brief vom Juni 2004. Foto: mit Jochen Wulff (r.) und Zwillingsbruder Harald Wulff während des Empfangs in Monheim.

 

Mit Miguel Sieler begann die Zusammenarbeit, als er Chef der Bayer Niederlassung in Süd-Korea war. Ab 1997 konnte ich mit ihm (als Nach-Nachfolger von Günter Oehlke bei Bayer France) unseren deutsch-französischen Kulturdialog fortsetzen und intensivieren. Im Bild mit dem Néo-Symbolisten Guy-Rachel Grataloup, dessen grosse, von Bayer France geförderte Werkschau 2002 in Paris und Lyon (Foto) Aufsehen erregte. Eine Retrospektive des Künstlers wurde ab November 2005 auch im Erholungshaus Leverkusen gezeigt.

 

Der Kulturbegriff ist bei Eberhard Weise anders definiert: er ging immer von der Kreativität des Einzelnen aus, ungeachtet seiner Bildung und seines Standes. Dies bei Bayer zu fördern – mit den Mitteln, die ihm seine Positionen (Werksleiter, dann Arbeitsdirektor) gaben – war ihm ein "Muss", auch ausserhalb des Unternehmens. Gespräche mit ihm sind bis heute eine Anreicherung des eigenen Nachdenkens über den Sinn und Unsinn von Vielem. Das Foto zeigt Eberhard Weise im März 2008 bei der Verabschiedung unserer langjährigen, auch von ihm geschätzten Mitarbeiterin Jutta Drews im Künstlerzimmer des Erholungshauses.
Das Umfeld passt zu ihm — der alte Weggefährte Günter Kaebe, Puschkins Text "Oh Muse…" und Rolf Liebermanns "Appel" — und ist (mir) ein willkommener Nebeneffekt!

 

Bei dieser Verabschiedung war Egon Baumgarten quasi 'dienstverpflichtet'. Dieser Bayermann mit einem ausgeprägten Bürgersinn war vor mir viele Jahre der Chef von Jutta Drews im Dienstleistungsbereich für Bürotechnik. Dank Norbert Drekopfs Vermittlung kam sie nach Baumgartens Pensionierung in die Kulturabteilung und hat unseren kreativen 'Exotenladen' kulturgerecht 'verwaltet'. Für mich war Egon Baumgarten, besonders in meinen ersten Jahren "beim Bayer", der wichtigste Erklärer von Budget- und Funktionszusammenhängen der damaligen Zentralen Dienste, die ich die 'Kaebe-Runde' nannte. Ohne seine Hilfe hätte mein häufiges Nicht-Verstehen sicher einige Teilnehmer dieser Runde irritiert und mich dabei blossgestellt. Baumgartens Energie und Zuverlässigkeit kam auch dem Sport (besonders dem Volleyball) und der Leverkusener Künstlergemeinschaft "Spektrum" zu Gute. Er ist einer jener Wenigen, für die es im Kopf nie einen Werkszaun gab. Auf dem Foto mit "seiner-meiner-unserer" Jutta Drews.
Zu einem anderen, mir wichtigen Bayer-Kopf fehlt der Schnappschuss: Kurt Vossen, er war der Leiter der technischen Berufausbildung und einer der grossen Stützen von Eberhard Weises Bildungspolitik. Nach seiner Pensionierung wurde er, als Nachfolger von Günter Kaebe, der Abteilungsleiter Fussball des TSV Bayer 04. Auch an diesem Netzwerk wird deutlich, warum wir so stark sein konnten: die gegenseitige interne Akteptanz und Vernetzung machte grosse Projekte möglich und uns glaubwürdig.

 

Der Dirigent Rainer Koch war 38 Jahre künstlerischer Leiter der Bayer Philharmoniker, und dies neben seiner Tätigkeit als GMD in Bielefeld und Gastdirigent anderer Orchester. So etwas wird es nicht mehr geben! Ohne sein Können wären grosse Konzert- und Opernprojekte und internationale Gastspiele nicht realisierbar gewesen.
Foto: Gratulation zum 25-jährigen Wirken von Rainer Koch bei den Philharmonikern, nach dem Konzert im Forum Leverkusen im Mai 1997.

 

Die Beziehung von Siegfried Palm zur Bayer Kulturabteilung habe ich eingangs bereits beschrieben. Er hat bis 2001/02 ("Reformländer?-Kulturländer!") moderne und zeitgenössische Kammermusik bei fast allen Ausstellungs-Eröffnungen vorgestellt und ist dabei immer den thematischen Vorgaben gefolgt. Das muss ihm einer nachmachen! Manchmal stöhnte die Palm-Sonntag-Gemeinde, wenn unser 'Siegi' zu modern war, einige schlichen auch mal davon. In Frage gestellt wurde das Konzept (bis auf einen eher peinlichen Versuch Anfang 2008) nicht. Siegfried Palm starb im Juni 2005. In der Jubiläumssaison 2007/08 widmeten wir ihm den vierteiligen Zyklus "Sonntag um 11", mit Kammermusik von Berio, Scelsi, Ligeti, Boulez, Nono, Stochhausen, Rihm, Messian, Kagel, Lachenmann, Varèse, Cage, Zappa u.a. – meisterhaft interpretiert von dem international besetzten, vom WDR geförderten Solisten-Ensemble musikFabrik aus NRW.
Foto: Nach den durchaus auch anstrengenden, den Verstand fordernden Matinéen wurde beim anschliessenden Empfang im Künstlerzimmer diskutiert und oft Neues besprochen; wie hier, Ende der neunziger Jahre.

 

In meiner Luzerner Zeit lernte ich von Walter Jens viel über das Theater der Antike – dank dem Schweizer Fernsehen. Seine aus Deutschland übertragenen Vorlesungen ergänzten meine wochenlangen Reisen ins Land von Aischylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes, die ich von 1966 bis 1969 in den Theaterferien unternahm.
Kurz nach meiner Ernennung als neuer Kulturchef von Bayer erbat ich von ihm die Zustimmung, seinen für die Ludwigsburger Festspiele 1984 verfassten Erzähltext zur Oper "Fidelio" (Roccos Erzählung) auch für konzertante Aufführungen mit den Bayer Philharmonikern nutzen zu können. Er stimmte zu und wies auf die im Sommer 1986 bei der Schubertiade Hohenems angesetzte konzertante Aufführung hin, die von Nikolaus Harnoncourt dirigiert wurde. Von Nyon aus fuhr ich hin, ab Zürich in Begleitung meines baldigen Fachvorgesetzten Wilhelm Lang; besser konnte ich meine Opernpläne mit den Philharmonikern nicht verdeutlichen. Walter Jens wurde über die Aufführungen unseres "Fidelio" im Juni 1991 (in Leverkusen, Wuppertal, Essen, Köln) mit Bayer vertrauter, ein reger Austausch begann. Er akzeptierte meine Einladung, die Europäische Spielzeit im September 1992 mit einem Festvortrag zu eröffnen ("Deutschsein in Europa", auch nach über zwanzig Jahren nachlesenswert). Ein Jahr später kam Walter Jens sehr gern wieder: er las seinen Text "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz", das Cherubini-Quartett interpretierte hierzu meisterhaft Joseph Haydns gleichgenanntes Opus 51. Ich erbat von ihm einen Erzähltext zu Webers Oper "Der Freischütz", wieder für konzertante Aufführungen mit den Bayer Philharmonikern, zum neunzigsten Geburtstag der Kulturabteilung in der Saison 1997/98. Er stimmte zu – es war eine nicht einfache 'Geburt'! Mit Dietrich Fischer-Dieskau las Walter Jens im Erholungshaus aus dem Briefwechsel Richard Wagner/Franz Liszt… Es hätte gern so weiter gehen können, aber sein Schicksal liess es nicht mehr zu.
In Frankreich warb ich für die Jens'schen Erzähltexte zu "Fidelio" und "Freischütz" und beauftragte die Lausanner Übersetzerin Golnaz Houchidar mit deren Übertragung ins Französische. Michel Plasson führte mit seinem wunderbaren Orchestre du Capitole de Toulouse die jetzt verständliche Erzählfassung von "Fidelio" im Januar 1997 in Toulouse auf (in der Titelrolle: Hildegard Behrens); und 1999 schickte das Orchestre Philarmonique de Radio France unter Claus-Peter Flor auf die gleiche Art den "Freischütz" für ganz Frankreich über den Äther. Walter Jens war glücklich und wir waren stolz – natürlich beide Male mit Bayer France im Bunde!
Auf dem Foto oben: Walter und Inge Jens, am 20. September 1992 im Forum Leverkusen, entspannt nach dem Beifall und erleichtert darüber, dass am selben Tag Frankreich (knapp) für die Verträge von Maastricht gestimmt hatte. Beim anschliessenden Empfang erlebte man denselben Professor Jens, wie er mit einigen Bayer-Vorständen über die Ethik von Sport und Fussball diskutierte... (Lesenswert: Walter Jens "Reden zum Sport 1964-1999", Hofmann-Verlag Schorndorf).

 

Sie sind für mich repräsentativ für das 'andere' Leverkusen: Rolf und Ursula Wedewer. Beide haben nicht vergessen, dass ich im Herbst 1995, zum Abschluss von Rolf Wedewers Zeit als starker Museumsdirektor im Schloss Morsbroich, die gemeinsame Ausstellung der Leverkusener Sammlung durchgesetzt habe (wie schon erwähnt, gegen den Willen eines kulturpolitischen Einzelnen). Sie haben sich mit grosser Klasse bei uns revanchiert; dank der Vermittlung der Wedewers kamen wir in den Genuss einiger hochrangiger Kunstausstellungen: die Russischen Nonkonformisten der Sammlung Bar-Gera 1997, die Wolf-Vostell-Schau* 1997, die Einzelausstellung von Ivan Chujkov* (1999), das türkisch-griechische Kunstabenteuer* 2004 (*in Kooperation mit der den Wedewers verbundenen Galerie Inge Baecker). Auch hierzu liessen wir Siegfried Palm zeitgenössisch musizieren. Rolf und Ursula fühlten sich in diesem Klima sehr wohl; und wir mit ihnen!
Der Schnappschuss des Kölner/Leverkusener Anzeigers von Rolf Wedewer, vor seiner ehemaligen Wirkungsstätte Schloss Morsbroich, entstand im September 2007, nach der Eröffnung der ars-viva-Ausstellung unserer Jubiläumssaison. Mit diesem Bild wurde im Oktober 2010 sein Tod in der Zeitung bekannt gegeben; Rike Zoebelein schrieb dazu: "So ein Mann wird fehlen! Er hinterlässt eine Lücke, nicht nur in Leverkusen; er hat viel für die Künstler getan."

 

Eine Leitfigur im Kulturleben Frankreichs war Jacques Rigaud.
Ohne ihn gäbe es das Musée d'Orsay nicht, ohne ihn wäre die von ihm jahrelang präsidierte ADMICAL (Association pour le Développement du Mécénat Industriel et Commercial) nicht das Zentrum des französischen Mäzenatentums. Kein Ministre de la Culture konnte auf sein Wissen verzichten, in allen Institutionen war er angesehen und willkommen. Er wurde 1990 durch die Saison Française auf Bayer aufmerksam und hat uns oft zitiert, geholfen, beraten. Es war logisch, dass mit Miguel Sieler endlich auch Bayer France Mitglied der ADMICAL wurde. Und es war freundschaftlich 'logisch', dass Jacques Rigaud im November 2002 mein Pate war (Foto: "Au nom du Président de la République – je vous nomme : Officier de l'Ordre National du Mérite" ). Jacques Rigaud starb vor zwei Jahren. Auch 'so ein Mann wird fehlen, er hinterlässt eine Lücke – in ganz Frankreich; er hat viel für die Künste getan'. (Rike Zoebelein wird mir die Variation ihres Zitats sicher gestatten.)

 

Der Pianist François-René Duchâble war während meiner Zeit bei Bayer ein einmaliger, inspirierender und aufregender Kopf und Partner, mit dem ganz grosse Konzertprojekte möglich waren (siehe die deutsch-französische Broschüre oder unter "Kultur-Tandem"). Unser Publikum (in Leverkusen, Wuppertal, Krefeld) liebte ihn, das Erholungshaus war sein zweites Zuhause. Von hier aus eroberte er sich Konzertsäle in Frankfurt, München, Bonn, Köln, Ludwigsburg... Die Erfolge in Deutschland stärkten auch sein Ansehen in Frankreich; die EMI lockte ihn von Erato weg und verpflichtete ihn für einige sehr schöne CD-Einspielungen. Im Jahr seines fünfzigsten Geburtstags (2002) hat er seine Karriere beendet, er mochte den Musikbetrieb nicht mehr. Für uns machte er Ausnahmen und akzeptierte sogar Live-Mitschnitte von Konzerten im Forum und Erholungshaus, die von uns als CD herausgegeben wurden: zur Berlioz-, zur Schumann-Saison und zu meinem Abschied.
Auf dem Foto: mit Freund Duchâble, final-plaudernd, am Eingang auch von 'seinem' Künstlerzimmer, im September 2008. Im Blickwinkel von Rolf Liebermann, der in diesem Raum von 1990 bis 2008 (mit seinem Apell), präsent war, wie die anderen rund 250 Künstler. Bis er abgehängt wurde. Diese Willkür, diese Sinnlosigkeit habe ich bis heute nicht verstanden. Deshalb verschaffe ich Liebermann an dieser Stelle den Platz, der ihm dort gebührt.

 

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

da die Neugier bis hier angehalten hat, will ich noch einem Hinweis anfügen: auch vor Bayer gab es ein intensives Kulturleben !
In der Schweiz (siehe Biografie) – in der ich von meinem 25. bis zu meinem 46. Lebensjahr lebte und arbeitete und mich vom einem deutschen Deutschen zu einem französichen Deutsch-Schweizer mauserte – sind einige "Köpfe" aus der Theater-, Musik- und Kunstwelt bis heute in meiner Erinnerung geblieben.
Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich mich diesen widmen.