Nikolas Kerkenrath

« Der künstlerische Gedanke hat immer Priorität »

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Viel Theater...

Nikolas Kerkenrath wird 1940 in Schwerin geboren. Krieg und Nachkriegszeit bestimmen seine Kindheit und Jugend. Ab 1945 lebt er in Neumünster, seit 1962 in Lübeck. Mit 16 wird er "theater-süchtig": die regelmässigen Gastspiele der Landesbühne Schleswig-Holstein in der damaligen Tonhalle Neumünster ("Noch heute sage ich denen Danke!") und die mutigen Produktionen im kleinen Theater am Fürsthof ("Der ganz junge Claus Peymann hat hier inszeniert!") sieht er fast alle. Ab 1958 pilgert er oft zur Staatsoper nach Hamburg. In Lübeck ist er ein Fan der Opernarbeit von Kurt Horres und Gerd Albrecht ("Deren Wozzeck habe ich zwölf mal gesehen, das war ein Urknall!"). Sein kultureller Weg beginnt atypisch, unakademisch, er ist Autodidakt. 1963 wird sein Vorbild und Dédicace de Claire Bretécher 1989
Widmung von Claire Bretécher 1989 / 1990
späterer Mentor, der Opernintendant von Hamburg Rolf Liebermann, auf ihn aufmerksam; er ermöglicht ihm ein Praktikum an der Staatsoper. Arno Wüstenhöfer, nach Lübeck nun Intendant der Wuppertaler Bühnen (der Entdecker von Pina Bausch), engagiert ihn 1965 für das Künstlerische Betriebsbüro. Doch Kerkenrath will auf der Bühne tätig sein und nicht dahinter: Er bittet Wüstenhöfer schon nach kurzer Zeit um eine Regie-Assistentenstelle. Da alle Positionen besetzt sind, verlässt er "leider" Wuppertal.
In der nur viermonatigen Wuppertaler Zeit lernt Kerkenrath von diesem Intendanten, wie ein Mehrspartenhaus funktioniert, wenn es gut geleitet wird.

25 Jahre später hält die französische Zeichnerin und Karikaturistin Claire Bretécher, nach einer ihr gewidmeten Ausstellung in Leverkusen (anlässlich der Saison Française), den Kulturweg von Nikolas Kerkenrath mit ein paar Strichen treffend fest.

Auf Empfehlung von Rolf Liebermann wird Kerkenrath an das Stadttheater Luzern engagiert; Intendant ist Horst Gnekow. Dort lernt er von 1965 bis 1968, als Regie- und Dramaturgieassistent, das Theatermetier in allen Sparten von der Pike auf. Die Theaterferien verbringt er in Griechenland. Im Antiken Theater von Epidauros erlebt er die Inszenierungen von Euripides' Troerinnen und Sophokles' Oedipusdramen durch Takis Mouzenidis, im Athener Herodes-Attikus-Theater die Regiekunst von Karolus Koun und dessen Deutungen von Aristophanes' Die Frösche und Der Frieden. ("Ich spreche kein Griechisch, nur die visuelle Kraft dieses Theaters an diesen Stätten liess mich viel verstehen. Das war atemberaubend!").

Au Théâtre de Vidy Lausanne 1978

Théâtre de Vidy Lausanne 1978, « Les Ambassadeurs » von Adolf Muschg, französischsprachige Erstaufführung

Von 1968 bis 1981 inszeniert er in Luzern (Barbier von Sevilla / Rossini), in Baden (Candida / Shaw; Philoktet / Heiner Müller, Schweizer Erstaufführung), in Aarau (Geschichte vom Soldaten / Ramuz-Strawinski; Madame de / Anouilh; Ein Phönix zuviel / Frey), an der Comédie de Genève (La Mégère apprivoisée / Audiberti), am Conservatoire d'Art dramatique Genève (Peer Gynt / Ibsen), am Théâtre de Carouge (Rapport pour une Académie / Kafka; Le Pédagoge / Saunders; Zoostory / Albee), am Théâtre Vidy Lausanne (Les Ambassadeurs / A. Muschg), am Kleintheater Luzern (Vacances / Viala, eigene Übersetzung), am Stadttheater Bern (zweimal Dürrenmatt: Meteor, Abendstunde im Spätherbst). Der Deutsche Kerkenrath spricht den Schweizer Dialekt und führt die Stanser Spielleute zu beachteten Inszenierungen von: Der Talismann / Nestroy, Katharina Knie / Zuckmayer, Unsere kleine Stadt / Wilder, Biedermann und die Brandstifter / Frisch - und dies im Innerschweizer Dialekt; Darsteller und Publikum sind glücklich. Viele Male fährt er nach Mailand, um die "einfach genialen" Inszenierungen seines damaligen Theatergottes Giorgio Strehler am Piccolo Teatro zu bewundern. 1981 beendet Kerkenrath in Bern seine Laufbahn als Regisseur: "Es war reich und aufregend-schön, ich wusste wie es geht, oft mit Erfolg. Aber ich war kein genialer Dauerbrenner."
In der Folgezeit kommen andere Facetten hinzu, die für seine spätere Tätigkeit von Nutzen sind: als Kulturjournalist schreibt er für Schweizer Zeitungen und für die Fachzeitschrift Opernwelt; er arbeitet für das Kulturprozent der Migros in Zürich; für die Schweizer Theatervereine organisiert und leitet er Begeg­nungen und Diskussionen mit Persönlichkeiten der Welt der Oper, des Theaters: Jean-Louis Barrault, Rolf Liebermann, Ivan Nagel, Kurt Hübner, Ernst Wendt, Christoph von Dohnanyi, Michel Glotz, Benno Besson, Armin Jordan, Maurice Béjart, Claus Peymann/Herrmann Beil, René Koering, Hugues Gall. In Genf lernt Kerkenrath die Übersetzerin Claude Chevillard kennen, die ihm bald am Théâtre de Carouge assistiert und später für das Nyoner Dokumentarfilm-Festival, und mit ihm für das Theater-Festival in Nyon arbeitet. Sie heiraten und haben zwei Söhne.

 

Ein Festival...

1983/84 ist eine "ganz verrückte" Zeit für Nikolas Kerkenrath. In Nyon gründet er mit vom Theater besessenen Freunden das Festival Théâtres d’Eté, um den Abriss einer ehemaligen Gasfabrik zu verhindern. Zu diesem Zweck wird die ATN Nyon (Association théâtrale Nyon) gegründet, präsidiert von dem fantasievollen Werbemann Jean Karcher. "Er ist ein Glücksfall für die Sache und ein grosser menschlicher Gewinn für mich". Kerkenrath übernimmt die künstlerische Leitung dieses "schönsten Kulturabenteuers meines Lebens. Unser mutiger Elan und der sofortige überregionale Erfolg bei Publikum und Presse - eine Genfer Zeitung titelt ‘Un petit air d’Avignon !’ - retten die zur Stadtgeschichte gehörende, am See gelegene noch ‘schlafende‘ Usine-à-Gaz aus den 1870er Jahren vor der Zerstörung."

Das Konzept ist einfach: bekannte Künstler und Ensembles, für die man sonst nach Lausanne oder Genf fahren muss, können in Nyon erlebt werden - Peter Wyssbrod* (Foto 2), Rufus (8), Jean-Luc Bideau (6), Philippe Avron, Yvette Théraulaz, CH-Tanztheater (5), Gardi Hutter*, Pierre Byland (13), Flamencos en Route* (14), Noémi Lapzeson (15), Carlotta Ikeda* (16)... Hierin eingebettet wird neues entdeckt: La Bourrasque (4), Teatro 7, Yves Hunstad (11), Sosta Palmizi, Pierre Miserez (10), La Rumeur (7), Myriam Naisy... Zusätzliche Spielstätten werden ausprobiert, theaterbezogene Filme gezeigt; Ausstellungen (Werner Strubs* Theatermasken (9), Boris Vansier* und Künstler der Region, Ezio Toffolutis Theaterplakate), Diskussionen mit den Schauspielern, sowie Konzerte (Jazz, Chanson, Orchestre Opéra de Lyon* (12) und Orchestre de Chambre Lausanne*) bereichern das Festival und begeistern die Theaterfans. Ein Plakatwettbewerb in den Schulen zum Festivalthema La Femme et le Théâtre bringt nicht nur über 500 Entwürfe, sondern auch zukünftige Unterstützung von Eltern und Lehrerschaft; der Entwurf einer Zwölfjährigen wird zum Festivalplakat 1986.
(* werden hierauf nach Leverkusen eingeladen)

Festival Théâtre d'été de Nyon

(Auswald 1984-86. Fotos: Festival Théâtres d'Été Nyon)

Mit Peter Wyssbrods genialen Stücken Hommage au Théâtre (2) und Entracte beginnt am 10. und 11. Juli 1984 die Metamorphose des morschen Fabrikgebäudes (1+3). Die Künste besetzen die Usine-à-Gaz, Stadtverwaltung und Promotoren können nicht mehr willkürlich schalten. Die Sympathie der Nyoner für ihr Theater-Festival wächst von Jahr zu Jahr. 1993 stimmt die Bürgerschaft mit über sechzig Prozent für die Renovierung der alten Usine-à-Gaz. Das Festival hat endlich eine ihm angemessene Stätte. Au Théâtre d'été' Radio Suisse romande, Juli 1986: live vom Theater-Festival aus Nyon. "Daß dies erreicht wird, ist auch der Energie meiner Nachfolgerin Ariane Karcher zu verdanken, eine Mit-Täterin der ersten Stunde. Sie hat das Festival erweitert, modernisiert; ab 1999 heisst es Festival des Arts vivants, kurz: far°. Zu ihrem Abschied lässt sie in der originellen Dokumentation Raconte-moi un festival 25 Jahre Revue passieren. Den turbulenten Start hierzu mit verursacht und gestaltet zu haben – das berührt mich noch heute!".

Im Februar 1986, während der Vorbereitungen des dritten Festivals, wird Nikolas Kerkenrath zum neuen Leiter der Kulturabteilung von Bayer in Leverkusen gewählt. Er ist nun Ehrenmitglied des Festivals Théâtres d‘Eté Nyon. Einundzwanzig menschlich und künstlerisch prägende Jahre in der Schweiz sind zu Ende. "Dort wurde aus mir ein deutscher Europäer", sagt er über diese Zeit.

 

... und 22 Spielpläne !

Erholungshaus

Das Erholungshaus der Kulturabteilung
Foto: Karl-Heinz Halberstadt

Die neue Situation kann kontrastreicher nicht sein. Nikolas Kerkenrath wird der fünfte Leiter der seit 1907 existierenden Kulturabteilung des Unternehmens Bayer. Diese organisiert Theater-gastspiele renomierter Bühnen, Konzerte internationaler Orchester und Solisten, Ballett-/ Tanzgastspiele wichtiger Compagnien und hochrangige Kunstausstellungen; insgesamt rund hundert Veranstaltungen pro Saison, und dies im eigenen Theater- und Konzertsaal mit 700 Plätzen und geräumigen Foyers — dem Erholungshaus. (Ein grösserer und neuerer Saal der Stadt, das Forum mit einem eigenen Angebot, kann zusätzlich genutzt werden.) Zur Unternehmenskultur gehört ein Sinfonieorchester, Chöre, eine Jazzband, eine Kunstsammlung, eine Bibliothek... und vieles mehr, um das Leben in der Industriestadt Leverkusen angenehm zu machen. "Der erste Besuch dort war ein Schock: Genfer See versus Chemiestadt am Rhein auf der einen Seite... aber auf der anderen Seite ein anspruchsvolles Vier-Sparten-Haus mit einem professionellen Team. Nach meinem ersten Besuch Ende Januar'86 entstanden Projekt- und Spielplan-Ideen, die mit Enthusiasmus aufgenommen wurden; das war entscheidend."

Mit der Berufung von Nikolas Kerkenrath stimmt die Direktion einem neuen Konzept zu. Zukünftig bestimmen Themen und Schwerpunkte die Spielzeiten; und das Aktionsfeld wird erweitert: nicht mehr wie bisher eine kulturelle Beschränkung auf den Hauptsitz in Leverkusen, auch die anderen Bayer-Standorte in Nordrhein-Westfalen (Wupper­tal, Krefeld, Dormagen) werden künftig mit einbezogen; mehr noch: mit den Filialen des Unternehmens im Ausland wird projektbezogen kooperiert. Hierzu von der Presse befragt, sagt der gerade ernannte Kulturchef, noch aus Nyon per Telefon, lediglich: "Ich möchte ein anderes Profil und, daß sich die beiden Kulturangebote (Stadt und Bayer) mehr voneinander unterscheiden." Das sorgt für Irritationen. "Ich verglich die Spielpläne beider Veranstalter: beide waren gut, jeder hatte seine Künstler und Ensembles, bei der Stadt mehr 'Östliches', bei Bayer mehr 'Westliches', (die kulturelle DDR durfte bei Bayer nicht vorkommen!), Grafik und Redaktionelles waren unterschiedlich, aber gleichwertig; das Abonnementssystem der Kulturabteilung war besser und sehr gut gebucht. Und - das Publikum der Bayer-Kultur war sehr anspruchsvoll, das wurde mir 'warnend' mitgeteilt. Der Moment war gut, aus der qualitätvollen Beliebigkeit eines Spielplans eine erkennbare langfristige Absicht zu machen und, wenn immer möglich, die einzelnen Branchen mit einander zu verknüpfen." Und so geschieht es.

Rolf Wetter

Wie schon in Luzern und Nyon ist die lokale Kunstszene für Kerkenrath wichtig. Er läd Leverkusener Maler, Zeichner, Fotografen zu Projekten ein: Zauberflöte, Stadtbemalung, Spielplan-Illustrationen, Europa… mit Erfolg für beide Seiten. Besonders die gestalterische Fantasie und das handwerkliche Können von Rolf Wetter (Kunstlehrer, Collageur, Maler, Zeichner, Illustrator) begeistern: Ob ‘Europa’ oder ‘Franz Schubert’, ob die stets erweiterte, auf Notenpapier gezeichnete ‘Kulturweltkarte’ (siehe Rückblick) oder ‘Das Kulturhaus’, ob ‘Werkstandorte’ oder die Zeichnung ‘NK als tricolorer Widder im nächtlichen Sternenhimmel’ und der 'Kulturthron' – Rolf Wetters originelle Ideen und Bilder überraschen immer wieder und bereichern die Publikationen der Kulturabteilung.

Kerkenrath startet im Oktober 1987 mit einer Operngala Lucia Aliberti, die er vier Jahre vorher in der Genfer Oper hört und an die Deutsche Oper Berlin empfiehlt. Dort feiert sie Triumpfe als Lucia, Traviata, Elvira, in den Frauenrollen von Hoffmanns Erzählungen; von dort erobert sie sich München, Hamburg, Mailand, New York. Lucia Aliberti, begleitet von der Philharmonia Hungarica unter Thomas Fulton, singt im ausverkauften Leverkusener Forum Arien von Gluck, Mozart, Bellini, Berlioz, Puccini, Verdi - "Es war ein Triumpf mehr für diese wunderbare Sängerin, und ein sympatisches Omen für meine Zeit".

NK

Foto: Jutta Jelinski, 1989

Danach macht "der Neue" in seinen ersten beiden Spielzeiten, in der Sinfonik und der Kammermusik, eine Musik-Entwicklung hörbar, die vom Barock über die Klassik, Romantik bis zur Neuen Wiener Schule führt. Französische Musiker werden bewusst "im deutschen Repertoir besetzt, es war höchste Zeit dafür!" Alle für "diese Musikreise durch drei Jahrhunderte" eingeladenen Künstler stimmen zu, 1987/88: Ton Koopman und Musica Antiqua Köln, Andras Schiff (für Bach), John Eliot Gardiner (Mozart Idomeneo konzertant, Opéra de Lyon), Christopher Hogwood (Mozart, Beethoven, Schubert; Academy of Ancient Music), Hanns-Martin Schneidt (Haydn Die Schöpfung, Münchner Bach-Chor/Orchester), Jean-Claude Malgoire (Händel, Mozart; La Grande Ecurie et la Chambre du Roi), Neville Marriner (Beethoven; Academy of St. Martin-in-the-Fields), Augustin Dumay / Jean-Bernard Pommier (Beethoven), Stephen Bishop-Kovacevich (Bach, Schubert), Brigitte Fassbaender / Markus Hinterhäuser (Schubert Die Winterreise), Cherubini-Quartett (alle Schubert-Quartette)... Zum Finale noch zwei Werke, die für das Klassisch-Romantische stehen: Mozarts Oper Die Zauberflöte konzertant, mit hochrangigen jungen Sängern und den Bayer Philharmonikern und -Chören unter Rainer Koch (siehe Forum Leverkusen), sowie die fünf Klavierkonzerte von Beethoven mit Kerkenraths "Wunsch-Pianisten" François-René Duchâble, und dem Orchester der Ludwigsburger Festspiele/Wolfgang Gönnenwein. Auch das ein Triumph.
In dieser ersten Saison ist keine einzige 'moderne' Note zu hören.
Das ändert sich in der Folgespielzeit 1988/89: der Bogen wird, wie angekündigt, vom Klassisch-Romantischen bis zur Neuen Wiener Schule gespannt. Auch hierfür sagen alle zu: Wolfgang Sawallisch / Staatsoper München für einen konzertanten Don Giovanni, Helmut Rilling / Gächinger Kantorei für Beethovens Missa solemnis... sowie Christian Zacharias / Hans Vonk, Michael Gielen / David Geringas, Gary Bertini / Sergej Stadler, Rafael Frühbeck de Burgos / Raphael Oleg, Myung-Whun Chung, Neeme Järvi, James Conlon, Giuseppe Sinopoli — jeder mit seinem derzeitigen Orchester. Das Publikum der Sinfoniekonzerte goutiert die Mozart-Beethoven-Brahms-Schumann-Wagner-Mahler-Bruckner-Strauss-Zemlinski-Schönberg-Berg-Webern-Programme... aber nicht das Kammermusik-Publikum: die Konzerte vom Schönberg-Ensemble, Hagen-Quartett, Ensemble Modern, Wiener Schubert-Trio, bei Michel Dalbertos meisterhaftem Werkebezug Liszt-Webern-Berg-Schönberg-Liszt... da rumort es im Saal und der Neue wird gefragt, ob er denn den Kammermusikring "abschaffen" wolle! Ungeachtet hiervon können sich im Klavierzyklus Angela Hewitt, Tom Krause / Irving Gage, Tzimon Barto, Jean-Marc Luisada, Jorge Bolet mit den Romantikern Chopin, Wolf, Schumann oder Schubert / Liszt, Wagner / Liszt störungsfrei ausleben."Ich stellte mit Staunen fest, daß selbst ein gebildetes Publikum immer noch vor der Musik von Berg, Webern, Schönberg auf Distanz geht."
Als Ergänzung zur Musik der Neuen Wiener Schule werden Kunstausstellungen konzipiert, welche Werke der Jahrhundertwende zeigen: Egon Schiele, Otto Dix, Exlibris, Hugo Erfurth, Historische Farbstoff-Etiketten, die Bauhauskünstler Georg Muche und Herbert Bayer... und zur Vernissage wird natürlich ausschliesslich Kammermusik dieser Epoche (siehe hierzu Siegfried Palm) und erstmals Jazz gespielt. Eine übergreifende Querverbindung gelingt.
Gleichzeitig 'europäisiert' Kerkenrath den Ballett- und Tanzring: Ballet du Grand Théâtre Genève, Stuttgarter und Hamburger Ballett, Béjart Ballet Lausanne, Flamencos en Route, Lyon Opéra Ballet, Frankfurter Ballett... das verwöhnte Leverkusener Publikum (und beim Tanz das der ganzen Region Köln-Wuppertal-Düsseldorf) entdeckt viel und wird neugierig auf eine Exclusivität in der hierauf folgenden Spielzeit 1989/90: auf das Kulturportrait Frankreichs, anlässlich der 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution.
Und das Theater bei alldem? "Ein Theaterspielplan lebt von seiner künstlerischen Aktualität, besonders in einem Land wie Deutschland mit seinen starken und eigenwilligen Regisseuren...", schreibt Kerkenrath 1987 im Vorwort seines ersten Spielplans. Das Theater-Referat der Kulturabteilung folgt punktuell den jeweiligen Themen; aber intensiver dann, wenn ein Land, eine Region mit starkem Theaterprofil in einer Spielzeit vorgestellt wird. - Der Neue hat seinen Einstand gegeben und die Richtung bestimmt. Publikum und Medien folgen der neuen Ausrichtung nach anfänglicher Skepsis nun neugierig und aufmerksam.

X

"BAYER, DAS IST AUCH KULTUR"

von Ingeborg Schwenke-Runkel*. Kulturmagazin Mozart, November 1989

Nikolas Kerkenrath? Nie gehört. Das war vor drei Jahren, als er die Nachfolge von Dr. Franz Willnauer, Leiter der Bayer-Kulturabteilung, antrat. Willnauer ging als Generalsekretär der Salzburger Festspiele nach Österreich. Kerkenrath kam vom Genfer See an den Rhein, nach Leverkusen. September 1989: Der Französische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Serge Boidevaix, verleiht dem Mann aus der Schweiz den Orden "La Croix de Chevalier de l’Ordre National du Mérite". Jack Lang, Frankreichs Kulturminister, schickt noch vor der offiziellen Eröffnung der Spielzeit 1989/90 ein Telegramm, das gar nicht mal so kurz ist, doch Wichtigstes zusammengefaßt: "Das bemerkenswerte Programm, das Sie in dieser Perspektive verfolgen, beeindruckt mich sowohl durch seine Qualität als auch durch seine Vielfalt: Es ist mir unmöglich, unter so vielen verblüffenden Ereignissen zu wählen…"
Ein bemerkenswerter Höhenflug innerhalb von drei Jahren. Die Bayer Kulturabteilung erlebte eine Bestätigung ihrer Arbeit, die einmalig in ihrer Geschichte ist. Und schon die hat es in sich: seit 82 Jahren widmet sich das Unternehmen unter dem Aspirin-Kreuz kulturellen Aufgaben. Die Aufstellung der Orchester, Dirigenten, Solisten, Sänger, Theater, Ballett- und Tanzcompagnien, der Schauspieler und Ausstellungen, die seit 1907 von der Kulturabteilung eingeladen wurden, liest sich wie ein Lexikon großer Künstler-Namen. Sie alle haben in Leverkusen gesungen, dirigiert, gespielt, musiziert: von Hermann Abendroth bis Wolfgang Sawallisch, vom Philharmonia Orchestra London bis Musica antiqua Köln, von Elly Ney bis Frank Peter Zimmermann, von Gustav Gründgens bis Bruno Ganz, von Peter Anders bis Juliette Greco, Kunst von Marc Chagall bis Oscar Schlemmer… Die ganze weite Kulturwelt traf und trifft sich in Leverkusen. Die Einwohner dieser Stadt nehmen das manchmal staunend, meist selbstverständlich zur Kenntnis und nutzen den reichen Kulturgabentisch. Doch außerhalb?

Foto: Jutta Jelinski, 1989

"Wissen Sie, daß uns niemand kennt?" Nikolas Kerkenrath ist immer noch fassungslos, wenn er daran denkt, daß die Franzosen (und nicht nur sie) praktisch aus den Wolken gefallen sind, als er sein Kultur-Programm für die neue Saison im renommierten Pariser "Club de Presse" vorstellte. Weder in Frankreich noch in der BRD bietet ein Industrieunternehmen seinen Mitarbeitern und Bürgern eine solche Palette kultureller Spitzen-Angebote. Neugierde, Erstaunen, Schwärmen - so beschreibt Kerkenrath die Reaktionen von Kulturpolitikern und Presseleuten. Und die betroffenen Künstlerinnen und Künstler? Ihr Urteil steht schon jetzt fest: "Gigantisch!" In der Tat gigantisch präsentiert sich der Inhalt im 120 Seiten starken Tricolore-Kultur-Kalender, zweisprachig gedruckt, blau auf weiß (deutsch) und rot auf weiß (französisch). Dem aufwendigen Äußeren entspricht das farbenprächtige Innere: Französische Kultur vom Feinsten. Musik, Schauspiel, Tanz, Oper, Malerei, Fotografie, Film... Anlaß für die "Französische Spielzeit", "La Saison Française", ist die 200-Jahr-Feier der Französische Revolution. "Die Spielzeit 1989/90 ist vollständig Frankreich gewidmet, seiner Kultur, seinen Künstlern. Eine Ehrung dieser Art gab es bisher nicht." Botschafter Boidevaix würdigt das im Vorwort zum Programmbuch. Und so ist die Ordensverleihung nicht nur eine Würdigung der Person Nikolas Kerkenrath, sondern auch eine Verbeugung vor "der Sache", sagt der Betroffene ganz sachlich dazu.
Wer ist dieser Mann, der die "Saison française" als Einstieg in ein breit angelegtes "Europäisches Programm" in der Spielzeit 1992/93 ansieht? Ein energischer Kultur-Macher sicherlich nicht. Dafür arbeitet er zu wenig bürokratisch. "Spinner" belächeln ihn die einen, "Kulturphilosoph" heben ihn die anderen auf den Sockel. Die Wahrheit liegt - wie meist - sicher irgendwo dazwischen. "Ich war ein Kulturvagabund", beschreibt er seine Tätigkeit, bevor er sich von dem Chemie-Konzern in den festen Griff nehmen ließ. Ein freischaffender Regisseur, Theaterkritiker, Festivalorganisator, Übersetzer von Theaterstücken. Sein letztes Projekt in Nyon, einem kleinen Ort am Genfer See, stellt die Frau in den Mittelpunkt: der Frau als Künstlerin, als "kreative Potenz", als Tänzerin und Interpretin war das Festival gewidmet. Nach wie vor berührt ihn die Begeisterungsfähigkeit dieser kleinen Stadt, die - immer noch - ein bedeutendes Folk-Festival und ein Dokumentarfilm-Festival in ihren Mauern hält. Der knapp Fünfzigjährige (im kommenden Jahr steht sein persönliches Jubiläum an), in Schwerin/Mecklenburg geboren, blickt ungern zurück. "Ich denke immer nach vorne gerichtet." Abgehakt sind für ihn die vergangenen Projekte, die das Kulturprogramm des Bayer-Konzerns gewaltig umkrempelten. Ob Theater, Oper oder Konzert, Tanz oder Kunst - ihm geht es nicht (nur) um den unterhaltenden Wert künstlerischer Ereignisse. Er möchte weg vom "simplen Kunstkonsum zu inspirierender Kunsterkenntnis". Er möchte "lehrreich unterhalten". Er möchte "Kenntnis-förderndes Genießen" anbieten. Die ersten beiden Spielzeiten seiner Tätigkeit in Leverkusen folgten diesem Prinzip uneingeschränkt. Das Publikum, stärker gefordert, nicht immer. Vor allem nicht in der Saison, die der romantischen Kunst-Epoche bis zur Neuen Wiener Schule gewidmet war. Verweigerungen der Abonnenten im Kammermusikring folgten. Diese wechselten zur vermeintlich leichteren Klaviermusik. Einen noch deutlicheren didaktischen Ansatz zeigte Kerkenraths erste Saison: Schwerpunkte aus Barock und Klassik setzte er in programmatische Konzertfolgen um. In diesen drei Jahren hat der glühende Fürsprecher einer europäischen Kultur-Idee ("Wir sind die einzigen, die keine Grenzen kennen") viel bewegt in Leverkusen und um Leverkusen herum. Über seine Arbeit, über seine unkonventionellen Projekte, die zunächst unbequem sind, wird gesprochen. "Darüber wird diskutiert, und das möchte ich gerne". "Bayer – c’est aussi la culture", wer diesen Slogan ausgetüftelt hat, wird genauso erfolgreich sein wie der Erfinder des Aspirin. Und daß es das Geld des Chemie-Multis ist, welches die Kultur erst möglich macht - den Leiter der Kultur-abteilung stört es nicht: "Ich habe keine Schwierigkeiten, mich als Mensch und als Kulturarbeiter mit Bayer auseinander zu setzen." Mehr noch und viel kürzer: Er setzt sich ein.

 

* Ingeborg Schwenke-Runkel war viele Jahre Kultur-Redakteurin beim Kölner/Leverkusener Anzeiger und hat auch für andere Publikationen geschrieben.

(Siehe auch "Nikolas Kerkenrath? Nie gehört.")

KulturabteilungKulturabteilung

Eingang der ehemaligen Kulturabteilung.

Mit am Zeitgeschehen orientierten Themen wie der (von Jack Lang bewunderten) Saison Française 1989/1990, der Europäischen Spielzeit 1992/1993 (Schirmherr ist Jacques Delors), der Spielzeit 1997/98 Mit Freunden Geburtstag feiern - 90 Jahre Kulturabteilung, mit der Pусский Cезон (dem europäischen Russland gewidmet, Schirmherrschaft: die beiden Aussenminister Klaus Kinkel und Jevgeni Primakow), oder einer Trilogie der nachbarschaftlichen Kulturregionen Deutschlands:

mit den beiden ARD-Radio-Orchesterzyklen ("Das waren jedesmal hunderte von Sendestunden aus Leverkusen in die ganze Welt!"), mit Theaterstadt Berlin 1999/2000, mit Hector Berlioz und seine Zeit 2003/04, der Musiksaison Wien, Wien - nur du allein 1999/2000, und vielem mehr, stärkt Nikolas Kerkenrath mit seinen Referenten gleichzeitig das Kulturprofil und das Firmenimage. Persönlichkeiten wie Walter Jens, Hans-Dietrich Genscher, Gérard Mortier, Schriftsteller und Präsident der Akademie der Künste Adolf Muschg, Kulturstaats-Minister und ZEIT-Herausgeber Michael Naumann, die Finnische Staatspräsidentin Tarja Halonen, NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Bundespräsidenten Johannes Rau und Horst Köhler eröffnen Spielzeiten - immer in Anwesenheit des Bayer Vorstandes ("Der stand hinter uns!"). Das Konzept wird in der Profession beachtet, dient als Modell anderorts und wird vom Publikum der ganzen Region geschätzt.

Kerkenrath kreiert die Slogans "Bayer – das ist auch Kultur!" und "Wirtschaftsräume sind auch Kulturräume!"; in viele Sprachen übersetzt erweisen sie sich für die Kulturarbeit und für das Unternehmen als ausgezeichnete Mittel der Kommunikation. Deshalb werden Spielpläne auch in der Sprache des jeweiligen Kulturlandes (französisch, russisch, flämisch, ungarisch-tschechisch-polnisch etc.) bzw. in Deutsch/Englisch gedruckt. "Das schuf eine ganz grosse Sympathie in den jeweiligen Ländern; und da das nahe Bonn noch Hauptstadt war und entsprechend viele Offizielle und Landsleute band, waren unsere Veranstaltungen gut von diesen besucht. An französisch-belgisches Publikum waren wir inzwischen gewöhnt; aber in der Russischen Spielzeit - da tobte zur selben Zeit der Machtwechsel in der UdSSR - das war spektakulär, da wurde uns so manches mal warm ums Herz!"

Salon d'artistes

Das Künstlerzimmer der Kulturabteilung im Erholungshaus (Foto: Esther Berens/Kalle Halberstadt, 2007)

Hier werden die Künstler empfangen und bewirtet. Über 250 Fotos von Dirigenten, Solisten und Kammermusik-Ensembles, Schauspielern und Theaterproduktionen, Tänzern und Ballettcompagnien - fotografiert vor, während oder nach den Auftritten - zieren die Wände dieses einmaligen Salons, von dem der Pianist Andras Schiff sagt: "Das ist das schönste Künstlerzimmer, das ich kenne." Der Pariser Galerist Adrien Maeght staunt: "Das gibt es nirgendwo in Frankreich!" Claus Peymann nach einem der Gastspiele seines Berliner Ensembles: "Hier schlägt das Herz der Kulturabteilung". Der Dirigent Valery Gergiev schwärmt: "Sowas möchte ich bei mir in St. Petersburg haben". Und Rolf Liebermann appelliert hier: "Vergesst nicht, wofür ihr das macht!"
(In Vorbereitung: "Künstler von A bis Z, 1986-2008")

Von Anfang an misst Nikolas Kerkenrath der deutsch-französischen Kulturbeziehung eine große Bedeutung zu: Er macht wichtige französische Musiker, Orchester ("im deutschen Repertoire - das war ganz wichtig!"), Ballett- und Tanzcom­pagnien ("... eine notwendige Alternative zur amerikanischen Überpräsenz!"), die französische Photografie u.v.m. ("... alles bis dahin von den meisten Veranstaltern ignoriert") hierzulande bekannt und etabliert eine fruchtbare Partnerschaft mit Bayer France, welche auch vielen Projekten und Künstlern in Frankreich zu Gute kommt. Eine passende französische Partner-Stadt wird gesucht und gefunden... Die französischen und deutschen Medien sind voller Lob über diesen kulturellen Brückenschlag. Die Botschafter Frankreichs Serge Boidevaix, Bertrand Dufourcq, François Scheer und Claude Martin, noch im nahen Bonn akkreditiert, schätzen dieses Konzept sehr und erleichtern oft kulturpolitische Kontakte. (Siehe "Kultur Tandem")

Le "Officier" avec ses amis au Palais Beauharnais 2002

Von 2000-2009 ist Kerkenrath Mitglied im Deutsch-Französischen Kulturrat, präsidiert von Siegfried Palm und Nele Hertling, von Alain Gründ und Jacques Toubon. Für seine Verdienste um den deutsch-französischen Kulturdialog wird er 1989 mit dem Orden Chevalier de l'Ordre National du Mérite ausgezeichnet; und 2002, im Palais Beauharnais in Paris, mit dem Orden Officier de l'Ordre National du Mérite. Vor illustren Gästen (Opern-Intendanten Hugues Gall und Jean-Pierre Brossmann, Dirigent John Nelson, Raymond Devos, Pianist François-René Duchâble, Hélène Liebermann, Dramaturg Michel Bataillon, Verleger Alain Gründ, Produzentin Janine Roze, Maler Rachel Grataloup, Günter Oelke und Miguel Sieler von Bayer France, Kulturrätin Chantal Colleu-Dumond, Botschafter Jacques Morizet, François Scheer und dem deutschen Gastgeber Fritjof von Nordenskjöld) hält hier der unvergessliche Jacques Rigaud (siehe "Rückblick, Köpfe") die Laudatio und würdigt "das Engagement eines authentischen Europäers".

Brochures

Bevor Nikolas Kerkenrath mit 68 Jahren sein Berufsleben beendet, gestaltet er noch einmal mit seinem vertrauten Team zwei große Spielzeiten in Leverkusen, dem 100-jährigen Bestehen der Bayer-Kulturabteilung und dem Erholungshaus, gewidmet:

Die Spielplan-Dokumentationen, in denen auch die Kulturgeschichte des Unternehmens nachlesbar ist, werden in Deutsch / Englisch herausgegeben.

Die Kulturabteilung wird für die Jubiläums-Spielzeit mit zwei hohen Auszeichungen geehrt:

Für diese Jubiläen wird, auf Vorstandsbeschluss, der Vertrag von Kerkenrath über die gesetzliche Altersgrenze hinaus verlängert. Im Herbst 2008 verabschiedet sich der Leiter der Kulturabteilung nach 22 Jahren mit einer zweiwöchigen Hom­ma­ge an die französische Kultur: "Bayer-Kultur – bleu-blanc-rouge". (Siehe hierzu die letzten Seiten "Kultur Tandem").

Das Leverkusener Publikum applaudiert den Kultis von Nikolas Kerkenrath

Das Leverkusener Publikum applaudiert den stolzen "Kultis", dem Team von Nikolas Kerkenrath, 2008.

 

Vom Rhein an die Seine.

Nikolas Kerkenrath

Foto "Rheinische Post", 2008

Nach alldem erstaunt wohl kaum, daß sich der (noch) Lever-kusener Bürger ab jetzt auch in Frankreich akklimatisiert. Ein alter und neuer Freundeskreis erwartet ihn. "Andere 'chers amis' haben sich, auf beiden Seiten des Rheins, verflüchtigt: ich war nicht mehr nützlich." Wie schon 1965 und 1986 ist auch 2008 der Wechsel mutig und radikal: fast ein Drittel seines Kultur-lebens hat Kerkenrath in der Schweiz verbracht, ein weiteres Drittel in Nordrhein-Westfalen und hat hier das Kulturprofil von Bayer und Leverkusen ("von Bayerkusen", wie er es nennt) mit Phantasie und Leidenschaft gestaltet. Er will diese reiche Zeit örtlich und privat abschließen, den Vorhang ziehen und "weit weg sein von allem Danach". Nach seiner offiziellen Verabschiedung - bei der die Percussions de Strasbourg Pleïades von Jannis Xenakis spielen, und Freund Duchâble (siehe "Kultur-Tandem" und "Rückblick, Köpfe") zum letzten mal das Leverkusener Publikum begeistert - nimmt Kerkenrath auf der sogenannten Roten Couch der Zeitung Rheinische Post Platz und erinnert an eine lange Zeit, in der immer das Künstlerische Priorität hatte. Eine Ära ist zu Ende.

livres et CD

Rolf Liebermann und sein Gastgeber, 1995, nach dem Konzert in Leverkusen

In Paris knüpft der von der Schweiz geprägte Deutsche - "jetzt ohne Struktur und Macht", wie er betont - mit Initiativen und Projekten an seine Leverkusener Zeit an. Bereits vor dem Wechsel hat er mit Opernintendant Hugues Gall (Genf, Paris) über den im Jahr 2010 anstehenden hundertsten Geburtstag von Rolf Liebermann diskutiert und Vorschläge gemacht. Kerkenraths Beiträge ergänzen die Liebermann-Ehrungen in Deutschland und Frankreich.

CD Clara und Robert

Für eine Wiederholung der in Wuppertal, Leverkusen und Bonn im Rahmen der Robert-Schumann-Spielzeit 2006/07 konzipierten Lesung und CD-Produktion Clara und Robert, Briefe hin und her (wieder mit Bernd Kuschmann, Andrea Witt, François-René Duchâble, Françoise Masset) kann Kerkenrath Ende 2009 die Maison Heinrich-Heine de la Cité Internationale Universitaire Paris gewinnen. Das Publikum ist glücklich und der Partner Bayer France zufrieden. Nach diesem Erfolg finden bald weitere Anregungen bei der Leitung der Maison-Heine Gehör. (www.maison-heinrich-heine.org)

CD Variations Goldberg de Jean-Sébastien Bach
 

In Toulouse (Piano aux Jacobins) und in Paris (Auditorium du Musée d'Orsay, Radio France Musique) vertrauen frühere Kollegen seiner Empfehlung und laden 2010/2011 das in Frankreich bis dato wenig bekannte Klavierduo Yaara Tal / Andreas Groethuysen mit der vierhändigen Version von Bach's Goldberg-Variationen ein. Eine CD-Einspielung wurde noch zu Kerkenraths Zeit im Bayer-Erholungshaus für Sony Classics realisiert. Auf ein von den beiden Musikern klug konzipiertes Wagner-Debussy-Programm macht er, wo immer möglich, aufmerksam.

CD Suites pour violoncelle

Mit großer Überzeugung setzt sich Kerkenrath für die CD-Produktion von Bach's Cello-Suiten ein, die Gérard Caussé (auch er, wie François-René Duchâble, Paul Meyer, Renaud Capuçon, Hélène Grimaud, Michel Plasson, Jean-Guilhem Queyras, Claire-Marie Le Guay... ein französischer 'Ehemaliger' des Leverkusener Konzertlebens) erstmals auf seiner Viola einspielt. Diese CD von Virgin Classics (2010) ist auch deshalb eine Rarität, weil der kurz nach der Aufnahme verstorbene Schauspieler Laurent Terzieff mit Gedichten von Rainer Maria Rilke eine spirituelle Brücke zwischen Musik und Poesie herzustellen wusste. (Es ist die letzte Cooperation mit Bayer France: dort und in der Leverkusener Unternehmenszentrale werden andere Prioritäten bestimmt; der Slogan "Bayer - das ist auch Kultur" wird nicht mehr genutzt.)

CD Schumann CD Strauss

Ebenso wirbt er in Frankreich für zwei andere CD-Einspielun-gen, die er noch nach Konzerten in Leverkusen, Wuppertal und Krefeld veranlasst hat: mit der Pianistin Claire-Marie Le Guay und dem Mandelring Quartett (Werke von Robert Schumann; bei Audite); und dem Thomas Christian Ensemble (Johann-Strauss-Walzer in der Bearbeitung von Schönberg, Berg, Dott, Webern, Trojahn; bei Dabringhaus & Grimm). Für weitere Publikationen der Kerkenrath-Zeit (Bücher, CD, DVD) – siehe auch unter 'Kultur Tandem' und 'Kommunikation'.

Applaus für Claus Peymann, nach der Aufführung von Brechts "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe", November 2007 in Leverkusen.

Ein Abend mit Claus Peymann, diesmal im Pariser Goethe-Institut, kommt 2012 auf Vermittlung des ehemaligen Kultur-chefs von Bayer zustande. Bevor das Berliner Ensemble und sein illustrer Intendant endlich wieder im Pariser Theaterleben präsent sind, gastiert es schon seit vielen Jahren regelmäßig in Leverkusen (Foto).
Kerkenrath geniesst die Gastspiele des BE in Paris und wendet sich vermehrt seiner "alten Liebe", dem Theater zu, jetzt als kritischer Zuschauer! Er entdeckt die Qualität der Comédie-Française, vom Théâtre de la Ville, Théâtre de l'Odéon, der vielen Privattheater. Zu Ariane Mnouchkines Theaterereignissen pilgert er nach Vincennes ins legendäre Théâtre du Soleil. Er staunt über die Sprechmängel der jungen Schauspieler-Generation ("Die Jüngeren haben oft denselben Nuscheltick wie beim Film; der Text wird da oft zum Ratespiel"); ebenso über die Unfähigkeit einiger Pariser Theaterrezensenten, Bühnenkunst zu erkennen und unpolemisch zu beschreiben. Er ärgert sich über den neuen Direktor der Comédie Française, der das weltberühmte Emblem mit der magischen "1680" durch zwei nichtssagende Ringe ersetzt, welche u.a. denen der Royal Air-Force oder der konservativen Partei Les Républicains gleichen und nichts mehr aussagen,"… und Publikum und der sonst so pingelige Denkmalschutz nehmen das einfach so hin!"

Und er entdeckt den Reichtum von DVD-Aufzeichnungen grosser Theaterklassiker: BBC-Shakespeare-Edition, Comédie Française ("mit dem historischen Emblem!"), Berliner Schaubühne, Ostberliner Theater, Wiener Burgtheater, Salzburger Festspiele/Arthaus-ORF, ARD-Studio-Aufzeichnungen... Mit über hundertfünfzig Stücken kann er bei sich zuhause jederzeit erstklassiges Theater erleben. Hinzu kommen rund neunzig DVD-Mitschnitte grosser Opernaufführungen aus London, Wien, St. Petersburg, Bayreuth, Paris, Mailand, Berlin ("die Felsenstein-Edition!"), Zürich, Salzburg... "Dies jederzeit verfügbare Theater- und Opernrepertoir, dazu die einmaligen und natürlichen Konzertaufzeichnungen mit Claudio Abbado aus Luzern - das ist für mich in diesem verfluchten Virus-Jahr (auch der ist 'Made in China'!) und seinen andauernden Beschränkungen kulturell überlebenswichtig."

 

Vor 100 Jahren : 1914 / 1918

Der deutsch-französische Grenzgänger Kerkenrath beschäftigt sich mit der hundertjährigen kulturellen Würdigung von 1914/1918. Da er kein Kulturhaus mehr leitet und keine Spielzeiten mehr konzipieren kann, geht das nur über das Motivieren anderer. Er ist sich nicht zu schade, in der Profession und bei Künstlern anzumahnen,"diesen grausig-großen Jahrgang nicht zu ignorieren: Überlasst das politische und historische Erinnern den Politikern und Historikern; aber ehrt die Künste der Künstler jener Epoche, die in dieser Zeit Opfer einer 'Großen Illusion' waren…

Ruines de la maison d'Albéric Magnard à Baron

Ruinen des 1914 von den Deutschen verbrannten Hauses von Albéric Magnard in Baron (Oise), zahlreiche Partituren wurden dabei vernichtet, er getötet.

… zum Beispiel mit Igor Strawinski's "L'Histoire du Soldat", mit Maurice Ravel's "Le Tombeau de Couperin", mit den Klavierkonzerten für die linke Hand, mit der Musik des gleich nach Kriegsbeginn vom Agressor getöteten Albéric Magnard, der Musik des 28jährig gefallenen Rudi Stephan, der vierten Sinfonie von Carl Nielsen…, mit der Literatur von Stefan Zweig / Romain Rolland (Der Selbstmord von Europa), Karl Kraus (Die letzten Tage der Menschheit), Erich-Maria Remarque…, mit den Bildern von Otto Dix, George Grosz…, oder mit Filmen wie "La Grande illusion" von Jean Renoir, "Paths of Glory" von Stanley Kubrick, "J'accuse" von Abel Gance, "La grande guerra" von Mario Monicelli, "Frantz" von François Ozon, "Un long dimanche de fiançailles" von Jean-Pierre Jeunet... Auch die von Kurt Joos erst später geschaffene Anti-Kriegs-Choreografie "Der grüne Tisch" gehört in diesen Kontext. Da ist so viel Material, um einen ganzen Spielplan in einem Mehrsparten-Haus zu gestalten !" Auch wenn Kerkenraths Anregungen Gehör finden - sein Bedauern, dies nicht selber realisieren zu können, schwingt hier mit.

CD Centenaire de 14-18

Ein grosses Projekt der Mission du Centenaire beeindruckt ihn sehr: die Produktion von über dreissig(!) CD's der Editions HORTUS, die den Musikern des Krieges 1914/1918 gewidmet ist. Die Einspielung der sechzehnten CD in der Eglise Péreuil-Pétignac im September 2015 erlebt er mit. Françoise Masset (Sopran) und Anne Le Bozec (Klavier) nehmen Lieder von Komponisten und Poeten auf, die in der fürchterlichen Schlacht von Verdun mobilisiert waren (Verdun, Feuillets de Guerre). Am 21. Februar 2016, auf den Tag hundert Jahre nach Schlachtbeginn, geben die beiden Musikerinnen zur Eröffnung des Gedenk-Museums in Verdun dasselbe Programm. "Diese Lieder an diesem Ort, zu diesem Anlass, ein Jahrhundert später zu erleben - das war ergreifend!". Die Maison-Heinrich-Heine in Paris ist wieder Partner und präsentiert im November 2016 das Verdun-Konzert und die CD; ebenso zwei Jahre später, wieder im Rahmen eines Konzertes, die zweite CD Pour en finir avec la Guerre; beide Male vor einem stark beeindruckten Publikum.

 

Zeit für die Filmkunst

In Paris holt Nikolas Kerkenrath nach, was in der arbeitsintensiven Bayerzeit in Leverkusen zu kurz kam: das kritische Geniessen des internationalen Filmangebotes. Die jahrelange, von ihm initiierte Kooperation mit dem Leverkusener Kommunalen Kino - den eigenen Spielplan ergänzend - hat ihn 'infiziert'. Er sieht rund achzig Filme im Jahr, überwiegend europäische; natürlich viel französisches, immer weniger amerikanisches Kino.

«… Das sogenannte große USA-Kino dreht sich seit vielen Jahren in einer kommerziellen Spirale, die überwiegend aus Dümmlichkeit, perverser Gewalt und pathologischer Verlogenheit besteht und mit rund 60 Prozent den französischen Markt dominiert (90 sind es in Deutschland!). Gute Filme wie "Mulholland drive“ , "Broken flowers" oder "True Gritt“ sind selten. Schlimm ist nicht, daß die amerikanische Film- und Fernsehindustrie das Niveau und den Geschmack der eigenen Bevölkerung bedient, sondern, daß diese massenhaft produzierte Ware die ganze Welt überschwemmt - ohne daß die Filmkulturen anderer Länder in USA angemessen präsent sein können. Empörend ist auch, daß in unserem Europa die 'Kollateralschäden' (ein zynischer Pentagonchef lässt grüßen) dieser perfiden Mechanismen ganz einfach hingenommen werden. Sogar das selbstbewusste Filmland Frankreich orientiert sich - mit der sonst so 'tricoloren' Gaumont an der Spitze! - vermehrt an filmischen und merkantilen Amerikanismen. Auch die jährlichen "Césars" spiegeln diese Tendenz wieder: die Kunst großer Darsteller wie Kristin Scott-Thomas ("Elle s'appelait Sarah", "Contre toi"), Karin Viard ("Polisse", "Parlez-moi de vous"), André Dussolier ("Une exécution ordinaire", "Les herbes folles") oder Michel Piccoli ("Habemus Papam") hat gegen die in Mode gekommene Performance mit sozialem Touch und gegen die Blockbuster-Hysterie wenig Chancen, gekrönt zu werden ».

Nikolas Kerkenrath

Der zum Filmgourmet mutierte Kerkenrath nimmt an der Wahl für die Césars 2011 und 2012 teil. Doch die oft dem Zeitgeist entsprechende 'légèreté' und demonstrative 'agressivité' passt nicht zu seiner Vorstellung von Film- und Schauspielkunst. Er wählt nicht mehr mit; ganz selten geht er noch ins Kino: "Der Popcornmief und der plumpe Commerzrummel... das ist doch unerträglich geworden. Ausserdem gibt es auch gute Filme sehr schnell auf DVD". Die gewonnene freie Zeit nutzt er, um mit einer immer grösser werdenden Filmothek (bis heute rund 600 Filme) das Filmgedächtnis aufzufrischen: von 2012 bis 2015 gestaltet er für sich, zu Hause, eigene Filmfeste und unterzieht sich einer systemathischen Film-Kur mit Meisterwerken von Fritz Lang, Max Ophüls, Orson Welles, Elia Kazan, Billy Wilder, Alfred Hitchcock, Woody Allen, Stanley Kubrick, Francis Coppola..., von Roberto Rossellini, Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Luchino Visconti..., von Jean Renoir, François Truffaut, Alain Resnais, Roman Polanski, Pedro Almodovar... und und besonders von Ingmar Bergman. Seine Videothek enthält vermehrt Filme, welche west- und ostdeutsche Geschichten erzählen: von Wolfgang Staudte und seinen DEFA-Kollegen Kurt Maetzig, Konrad Wolf, Gerhard Klein, Frank Beyer, Rainer Simon, Heiner Carow... ("Da habe ich spät viel entdeckt und oft gestaunt!"), von Bernhard Wicki, Margarethe von Trotta, Volker Schlöndorf, Helma Sanders-Brahms, Wim Wenders, F. H. von Donnersmarck, Wolfgang Becker, Christian Petzold... und natürlich von Rainer Werner Fassbinder.

Draußen sieht er noch die in Frankreich geschätzten Filme Women without men von Shirin Neshat, Es war einmal in Anatolien von Nuri Bilge Ceylan, Das weisse Band von Michael Hanecke und das über 4-stündige Filmepos Mystères de Lisbonne von Raùl Ruiz… und wünscht sich "mehr von starkem Kino, daß ohne Klamauk auskommt".

La Nef des Fous
Le tueur de Montmartre

Eine ganz andere Filmart hat Kerkenrath 2016 fasziniert: der Animationsfilm Das Narrenschiff (La Nef des Fous) von Borislav Sajtinac, einem Meister kritisch-grotesker Zeichnungen von ganz schwarzem Humor, welche in den 80er und 90er Jahren in den grossen deutschen Zeitungen zu sehen waren. Nach seinem unheimlichen, preisgekrönten Film Le Tueur de Montmartre (2007) schildert Das Narrenschiff, mit Witz und Ironie, den historischen Weg Europas von der Antike bis heute.
Auch hier macht die Maison Heine wieder mit und zeigt den Film, ergänzt durch einige Kurzfilme Sajtinacs, im Juni 2016 und Januar 2017. "Dem Werk von Sajtinac bin ich leider zu spät begegnet; für seine sarkastischen Bilder und Filme hätte ich in Leverkusen eine exklusive Ausstellung und Filmserie organisiert. Das wäre in der ganzen Region eine Sensation gewesen!"
(Siehe: www.sajtinac.fr)

Begeistert ist Kerkenrath von den Drehbüchern und TV-Filmen von Annette Hess: 'Kuhdamm 56' und 'Kuhdamm 59', 'Weissensee' oder 'Die Frau vom Checkpoint Charlie' - das sind gut erzählte und gut gemachte west-ostdeutsche Filmgeschichten, spannend und menschlich-historisch richtig, in jeder Szene, in jeder Stimmung. Als 1940er kann ich das beurteilen. Auch ihr erster Roman 'Deutsches Haus', 2018 erschienen, ist sehr stark. Die französische Übersetzung (La Maison allemande) wird zum Geschenk für Freunde hier, wie vorher schon Sebastian Haffners 'Geschichte eines Deutschen' (Histoire d'un Allemand). Solche Bücher und Filme helfen, Deutsches in Frankreich besser zu verstehen."

Cyril Buffet

Berliner Theater

Kerkenrath hofft wieder auf eine Partnerschaft mit der Maison-Heine Paris, um eine Begegnung mit der Filmemacherin Annette Hess zu organisieren, "und um dann ergänzend die ostdeutsche DEFA-Film-Zeit sowie das ausdrucksstarke Theater in der DDR in Erinnerung zu rufen; beides passt zum Ost-West/West-Ost-Verstehen von Annette Hess." Im Virusjahr 2020 hat Kerkenrath bedeutende DEFA-Filme und wichtige Inszenierungen Ost-Berliner Bühnen gesehen, "aufgesogen, die DVD-Technik ist für mich ein wahrer Segen".
Zwei Bücher waren 2019 der Auslöser dieser 'Ostalgie': Die Übernahme, wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde von Ilko-Sascha Kowalczuk, Verlag C.H. Beck, und Défunte DEFA : histoire de l'autre cinéma allemand (Verstorbene DEFA, Geschichte des anderen deutschen Films) von Cyril Buffet, Editions du Cerf-Corlet.
"Hier die sachliche Beschreibung der wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Aspekte von DDR-Ende und BRD-Integration, mit all den menschlichen und sozialen Auswirkungen, und dort - trotz perfider Indoktrinierung, trotz der ideologisch-politischen Schikanen und Beschränkungen - hochwertige kulturelle Zeugnisse eines parallelen Lebens- und Wirkungsraumes. Dank der Kraft und oft auch List, dank der Qualität solider und fantasievoller Filme-Macher und grossartiger Schauspieler war dies möglich. DEFA-Filme sind authentisch und sagen mehr über die DDR aus als viele Dokumente oder West-Filme. Diese Aufzeichnungen erhalten uns etwas ganz Wichtiges, Bleibendes einer Epoche: ihre Kultur, ihre Kunst, und darüber hinaus die Beschreibung vieler menschlicher Stärken und Schwächen. In den historischen und politischen Debatten wird das immer ignoriert; das ist nicht gut! Um das heutige Deutschland als ein Ganzes zu verstehen, darf das Kulturelle der/des damals 'Anderen' nicht vergessen, nicht ausgeklammert werden".

 

Angekommen

Von einer 'trouvaille' soll noch die Rede sein – der Prieuré de Bray in Rully, 70 km nördlich von Paris zwischen Senlis und Crépy-en-Valois gelegen. Nikolas Kerkenrath ist beeindruckt vom Engagement des heutigen Besitzers, der diese historische Stätte aus dem 13. Jahrhundert renovieren lässt und auch für kulturelle Begegnungen zugänglich macht. 2014 wird der 750. Geburtstag dieses ehemaligen Priorats gefeiert. Der Zuwanderer aus Deutschland sieht seinen Beitrag, wie er sagt, "auch als Hommage an eine Region, die so prägende Persönlichkeiten wie Calvin, La Fontaine, Rousseau, Alexandre Dumas, Camille und Paul Claudel, Gérard de Nerval, Albéric Magnard, oder die naïve Malerin Séraphine, den Kunstsammler Wilhelm Uhde hervorgebracht oder beherbergt hat, und die über Jahrhunderte 'La Terre des Rois de France' war. Was für ein reiches Erbe! Ich geniesse es, mit Jean-Claude Curtil - einem historischen Gedächtnis der Region Valois - den Dialogtext mit all diesen Elementen zu gestalten, der zur Eröffnung der renovierten Chapelle du Prieuré deklamiert wird. Als Deutscher bin ich sehr berührt, hier, in dieser von unseren Vorfahren mehrfach geschändeten Region, eingebunden zu sein in einem freundschaftlich planenden Kreis. Es tut manchmal gut, kulturelle Landluft zu atmen; die ist einfacher und menschlicher und der Seele näher als dem Kopf."

Facit: Nikolas Kerkenrath ist in Frankreich "angekommen". Er und die Sängerin Françoise Masset haben 2018 geheiratet, Paris und Rully werden zum neuen Zuhause. "Die Musen wollten das so", kommentiert er das neue Lebensszenario. Und wie überall vorher ist er, wie er es nennt "ein heimischer Fremder geworden. Das Fremdsein gehört seit 1965 zu meinem Leben: in der deutsch-sprachigen Schweiz mit ihrem selbtbewussten Dialekt, in der ganz anderen Suisse romande von Genève-Nyon-Lausanne, danach in Leverkusen und Nordrhein-Westfalen, und jetzt in Frankreich - immer war es das Fremde, das mich heimisch werden liess. Klingt paradox, ist aber so".

Foto : Hanne Engwald. Leverkusen, 2018

Foto: Hanne Engwald, Leverkusen, 2018

Die Brücke nach Leverkusen ist nicht abgerissen: Zu seinem 80. Geburtstag Ende März 2020 gratulieren aus dem Rheinland Freunde und Ehemalige; der Kölner-/Leverkusener Anzeiger und die Rheinische Post erinnern mit Interviews an Nikolas Kerkenrath und seine Arbeit als Kulturchef von Bayer, welche der Stadt, der Region und vielen Unternehmens-Filialen der Welt zugute kam.
Kurz vor diesem runden Geburtstag erscheint ein aufwendiger Bildband, der einem Schnappszahl-Geburtstag vom traditionellen Bayer-Kulturhaus gewidmet ist: "111 Jahre Erholungshaus". Auch Nikolas Kerkenrath kommt darin zu Wort (Foto). Der Bildband ist aber kein Dokument für die Zukunft, er ist wie ein Abschied: Bayer beendet die bisherige Kulturarbeit, es gibt keinen Spielplan mehr, punktuelle Aktionen ersetzen den Vier-Sparten-Betrieb im früheren "Bayerkusen". Hierzu von der Presse gefragt, sagt der Ehemalige: "Als überzeugter Spielplanmacher bin ich entsetzt. Aber Bayer von einst ist nicht mehr das von heute. Thomas Helfrich (seit 2015 der neue Kulturchef) hat den Mut zu einem Schritt, der sich seit einiger Zeit abzeichnete...". Kerkenrath blickt in die kulturelle Zukunft und hofft auf ein baldiges Ende der Lebens- und Kulturquarantäne...

(Fortsetzung folgt)

 

 

© Bernd M. Haase / Nikolas Kerkenrath, Januar 2021

Quellen: Editorial Festival Théâtres d'Eté Nyon 1986 / Reportage, Interview Radio Suisse romande 1986 / Vorworte Spielpläne und Kultur-Infos Kulturabteilung Bayer 1987-2008 / Reportage "Saison Française à Leverkusen", Diapason, Paris 1989 / Bericht "Jumelage Villeurbanne-Leverkusen", Lyon Figaro 1989 / Reportage "Culture haut de Gamme chez Bayer", Le Monde de la Musique/Télérama, Paris 1990 / Interview FAZ-Magazin 1999 / Dokumentation 2. ARD-Orchesterzyklus, Interview 2001 / Interview Bonner Universitätsblätter 2002 / Laudatio von Jacques Rigaud, Palais Beauharnais Paris 2002 / Klassik Forum Hans Winking, Gast: Kerkenrath WDR3 2007 / Setzt auf Priorität des Künstlerischen, in "Ein Jahrhundert Bayer.Kultur 2007-08" / "Rolf Liebermann, der Sonnenkönig aus Hamburg" von Nikolas Kerkenrath, Neue Musikzeitung und Magazin Oper & Tanz, ConBrio Verlag 2010; sowie "Le Roi Soleil de Hambourg, je me souviens de Rolf Liebermann", Programm der Opéra de Bordeaux 2010 / France Musique "Les Traverses du Temps" 2013, Marcel Quillévéré, Gast: Kerkenrath / Dokumentation "111 Jahre Erholungshaus Leverkusen", kompletter Interviewtext 2018 / Interviews: 50 Jahre Forum Leverkusen 2019; Rheinische Post, Leverkusener/Kölner Anzeiger 2020.