Nikolas Kerkenrath

« Der künstlerische Gedanke hatte immer Priorität »

Foto : Hanne Engwald
Leverkusen, Dezember 2017,
im Künstlerzimmer*
© Bayer Kultur

Theaterdämmerung 17/18

Eine angstmachende Weltklamotte

Jedesmal, wenn ich ansetzte, inspiriert von den Künstlerzimmer-Fotos* der grossen Schauspieler Helmut Lohner, Sabine Sinjen, Martin Held, Bruno Ganz und der vielen anderen, die auch auf unserer Bühne in Leverkusen das Publikum begeisterten, um zum Jahrswechsel 17/18 über meine derzeitige Theaterwelt zu schreiben, mit einem Claus Peymann oder einer Ariane Mnouchkine als Leitbild – da überschwappte uns alle eine riesige Welle von global-groteskem Klamauk, der jedes noch so grandiose Theaterspiel aushebelte und die Grossen der Bühne vorüber gehend klein aussehen liessen. Da sich vorläufig eine Art Obergrenze und Stagnation der interkontinentalen politischen Dummheit und Arroganz einiger Weltakteure abzeichnet, kann ich endlich im Frühjahr meine Gedanken formulieren, allerdings unter zwangsläufiger Berücksichtigung dieser ‘Szene’ und deren ‘Stars’.

Als lebenslanger Theatermensch protestiere ich: Von dieser Art explodierendem Welt-Theater – mit seiner destruktiven Dramaturgie, seinem rücksichtslosen Spiel auf Risiko, seinem Mangel an Textstärke, Dialoggrösse, Substanz, seiner pathologischen Egomanie einiger ‘Welt-Intendanten‘ und ‘Möchte-gern-Regisseuren‘ und deren grausamen und dilletantischen ‘Inszenierungen‘ – von dieser neuen ‘Weltbühne’ distanziere ich mich.
Leider aber bleibe ich Zuschauer einer erbärmlichen Schmierenkommödie, eines jäm-merlichen weltweiten Dauer-Spektakles ohne sichtbares Finale.

Ich versuche, nach Kriterien einer theatralischen Verwendbarkeit, einige der sich brutal profilierenden Hauptakteure dieser Weltbühne ‘szenisch’ zu erfassen: ein verlogener Türk-Osmane, ein schamlos reaktionärer Amerikaner (leider teutscher Abstammung), ein grotesker Nordkoreaner (Stalinist der dritten Generation), ein sowjetisch geprägter europäischer Russe, ein unheimlicher Chinesenkoloss (Expansionist alt-neuer Schule) – bei dieser jeweils nationalistischen Starbesetzung wird einem mulmig! (Mir wurde empfohlen, aus Gründen der eigenen Sicherheit von Namensnennungen abzusehen.)
Unabhängig von diesen exponierten fünf Titelrollen sorgen zwei europäische, autonome ‘Drehbücher’ für weiteren Stoff: Brexit und Katalonien. Beide drehen sich um sich selbst und belügen sich selbst; ihre Kleingeister machen sich lächerlich, aber belasten das Gesamtszenario noch mehr. Shakespeare und Calderon würden sich, trotz Nationalstolz und Patriotismus, ihrer schämen und würden sie in keinem Stück, in keinem Sonett erwähnen.

Ich frage mich, ob sich heute ein Dramatiker von Rang je für die oben Umschriebenen interessieren könnte, um über diese Titelrollenträger ein Theaterstück zu schreiben, in welchem das dazu hörige jeweilige hemmungslose Macht-Kollektiv von Ja-Sagern, Raubtier-Milliardären, Militärs, Funktionären, Klatsch-Nickern als ‘Chor’ fungieren würde? Das glaube ich nicht. Keiner dieser Fünf hat, bei aller Theatralik seines Getues, bei aller Gefährlichkeit seines Tuns, dafür das zwingende Format. Und über die Fünf als Ganzes zu schreiben, würde sich noch weniger lohnen: diese angstmachende Weltklamotte haben wir ja schon.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte Bertold Brecht das Gespür für zwielichtige Typen seiner Epoche und ihrem unmenschlichen Umfeld, er schrieb so starke Theaterstücke wie „Die Dreigroschenoper“ 1927, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ 1930, „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ 1941. Besser würde das heute keiner können.
Liesse sich die derzeitige internationale Dramatik dramaturgisch verarbeiten, zu einer sinnmachenden Story oder für ein glaubwürdiges Drehbuch? Würde ein noch so gut geschriebenes Stück mit diesen heutigen Inhalten oder Figuren überhaupt interessieren, wo doch die Realität nackter, vulgärer, perverser und brutaler ist als das, was man schreiben könnte? Ich bezweifle das. Wir wissen heute schneller und mehr über den Zustand der Welt und ihrer Verursacher als damals. Vielleicht wird später mal, wenn sich der heutige Spuk wie auch immer ausgespukt hat, ein zukünftiger Brecht, Peter Weiss, Thomas Bernhard diesen heutigen Stoff so ordnen und formulieren, dass er als Lehrstück für die folgenden Theatergenerationen von Interesse ist.

© Borislav Sajtinac
" Me for President ! "
(Die Zeit 1993)
www.sajtinac.fr

Ein Aspekt reizt mich bei all diesem Weltheater-Pessimismus: Als ehemaligem Regisseur juckt mir das Fell, wenn ich an die Besetzung des Piermont Mauler denke, dem skrupellosen Fleischkönig von Chicago, in Brechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. In meiner imaginären Besetzung würde ich einen gewichtigen Darsteller auswählen, der sich lustvoll das mimische, gestische, sprachliche und optische Gehabe jenes gelbhaarigen Riesenaffen zulegt, welcher seit einem Jahr ein ehemals grosses Land weit unter der Gürtellinie ‘regiert‘ und der seitdem für spektakuläre Effekte sorgt. Auch für die Besetzung der Fleischfabrikanten Cridle, Graham, Meyers, Lennox und des Wallstreetberaters Slift genügt es, sich am ebenso skrupellosen Umfeld dieses Riesenaffen zu orientieren: die Auswahl ist enorm, die Rollen sind austauschbar und könnten doppelt besetzt werden.
Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Bertold Brecht beim Erfinden seiner Schlachthof-Johanna auf konkrete Personen Bezug genommen hat.
In meiner imaginären Inszenierung könnte ich leider einen makabren Running-Gag nicht zeigen: das monatelange nukleare Ping-Pong-Spiel des Gelbhaarigen mit dem schwarzhaarigen Riesenaffen eines abgeschotteten kleinen asiatischen Landes, welches der Schwarzhaarige jedesmal für sich entschied. Der Gelbhaarige ist, wie seine Vorgänger jenes ehemals grossen Landes, an der ausgeprägten Unkenntnis der Geschichte und der arroganten Ignoranz der Mentalität anderer Länder gescheitert.
Drum die Moral von der Geschicht' / unterschätze andere Affen nicht.

 

Abschied von Claus Peymanns Berliner Ensemble

Doch nun   e n d l i c h   zurück zum richtigen, zum Bühnen-Theater !
Zu jenem reichen Welttheater, das seit zweieinhalbtausend Jahren der Unterhaltung, Stärkung und Bildung der Menschen dient. Hier ist ein grosser Verlust zu beklagen, die deutschsprachige Theaterszene wurde um eine Institution ärmer: in Berlin schloss sich Ende Juni 2017 zum letzten Mal der Vorhang über Claus Peymanns Berliner Ensemble, das sich zu recht selbstbewusst „Das Schönste Theater“ genannt hat.
Beim Finale konnte ich leider nicht dabei sein. Ich schrieb deshalb dem manchmal ruppigen, aber immer grossartigen Theatermacher-Peymann zum Abschied:

Lieber, sehr verehrter Herr Peymann,
da es mir leider nicht möglich ist, bei Ihnen von Ihnen und Ihrem Berliner Ensemble Abschied zu nehmen – da bleibt nur dieser Weg. Zu gern hätte ich Ihren Handke und Kleist, Leander Haussmanns Hamlet, nochmal Philip Tiedemanns Kleinbürgerhochzeit gesehen, hätte gern wieder die Theaterluft Ihres BE eingesogen, um dann mir sagen zu können: Ich war beim Finale dabei, das wird lange halten. Als ich im März 2016 Woyzeck und Faust erlebte, war für mich das Wiederkommen klar. Dann brach ich mir die Hüfte und mehr, das sorgte für Komplikationen und Verspätung in fast allem.
Ich werde also die Erinnerung mobilisieren, so wie ich es früher bei Giorgio Strehler und bei Jean-Louis Barrault getan habe. Bereits diese Erlebnisse und Begegnungen in Mailand und Paris in den 60er und 70er Jahren haben meinem kulturellen Anspruchsdenken sehr gut getan. So gut, dass ich nach zwanzig Inszenierungen in der Schweiz beschloss, nicht mehr Regie zu führen, obwohl Vieles gelungen war.
Das Erlernt-Erlebte übertrug ich auf das ‘Inszenieren’ von Spielplänen, die Leitung der Bayer Kulturabteilung wurde ab 1986 meine ideale Bühne: bis Ende 2008 hatte dort der künstlerische Gedanke Priorität, wir konnten realisieren, was wir gut und richtig fanden, das Publikum und der Vorstand zogen mit. Der Erfolg gab allen recht. Auch das war einmal...
Ihr Bochumer Ensemble gastierte schon vor meiner Zeit in Leverkusen, eine Fortsetzung mit Ihrem Wiener Burgtheater war aus Kostengründen nicht möglich. Als Sie dann das BE neu erfanden, da gaben wir sofort ganz grünes Licht. Von 2000 bis 2009 traten Ihre Berliner regelmässig bei uns auf, mit: Vor dem Ruhestand, Publikumsbeschimpfung, Kleinbürger-
hochzeit, Die Juden, Andorra, Die Räuber, Die Heilige Johanna der Schlachthöfe, Totentanz und – als Nachklapp meiner Zeit – noch Nathan der Weise.
Ihren Nathan hatte ich 1981 mit über hundert Vertretern der Schweizerischen Theatervereine in Bochum, nach einer Diskussion mit Ihnen und Herrmann Beil, in der Version mit Traugott Buhre staunend erlebt, ohne damals alles zu verstehen.
Seit dem Umzug nach Paris genoss ich die dank Emmanuel Demarcy-Mota ermöglichten Gast-spiele Ihres Berliner Ensembles im Théâtre de la Ville und habe nur bedauert, dass beim Pariser BE-Finale vor einem Jahr wieder und ausschliesslich Robert-Wilson-Inszenierungen gezeigt wurden und keine von Ihnen oder von Leander Haussmann dabei war. Das Pariser Publikum hätte damit etwas mehr dazu lernen können.
Ich las die Bücher über Sie und Ihr Leben/Wirken und versuche hier zu erklären, WAS das ist, das da seit 50 Jahren Peymann-Theater heisst. Frankreich hatte früher mit Jean Vilar und Roger Planchon (und natürlich mit Barrault) ähnliche Persönlichkeiten, für die Theater/Leben eine Einheit war. Heute ist da noch Ariane Mnouchkine. Und dann?
Und in Deutschland, in Berlin, nach Ihrem Abtreten vom Berliner Ensemble, nach dem jahre-langen aufregenden Theaterzauber an dieser einmaligen Stätte, und dem Monate dauernden, jeden Rahmen sprengenden Finale von Peymann & Co. Was dann?
Ich fürchte, wir werden zu Waisen, nicht nur in Berlin. Eine so umfassende, mutige und glaubwürdige Orientierung an absoluter kreativer anspruchs- und lustvoller Theaterarbeit ist doch dann nicht mehr möglich! Wer kann das noch?

Applaus für Claus Peymann
Bayer Erholungshaus
Leverkusen 2007
(Foto: Kalle Halberstadt)

Im Herbst ‘16 las ich „Mord und Totschlag“, ein toller Wurf. Das Buch sollte Pflichtlektüre für alle zukünftigen Schauspieler, Dramaturgen, Intendanten, Bühnenbildner, Theaterverwal-tungsangestellten, Kulturpolitiker und Kulturmanager und all jene sein, die sich dem Theater verschreiben, die den Pakt mit dem Theatergott schliessen oder ihm dienen wollen.
Es ist ein wichtiges Lehr- und Lernbuch, ein kostbares Beispiel dafür, was im besten Fall Theater sein kann. Bitte geben Sie den vier Überzeugungstätern Jutta Ferbers, Anke Geidel, Sören Schulz und Myriam Lüttgemann mein begeistertes Kompliment weiter. Ich bewundere Menschen, die eine solche Masse Theaterleben so kompakt und leseleicht – und dies so ganz ‘nebenbei’ – auf nur 530 Seiten ausbreiten können, in einer inhaltlichen Präzision und grafischen Gestaltung, die (pardon) schon ‘Schweizer Format’ hat. Und dann erst die beiden masslos-schönen Bildbände „Das Schönste Theater – Berliner Ensemble 1999-2017“, die konnten nur dank Ihrem mutigen Wirken in Frankfurt-Stuttgart-Bochum-Wien-Berlin entstehen. Was für eine Tat!
Lieber Herr Peymann, Ihnen, Ihrem Ensemble, Ihrem unvergleichlichen Mitstreiter-Team, Ihren Könnern und Machern gelten im Frühjahr 2017 meine abschliessenden Gedanken und Wünsche. Die Musen, die bisher immer Ihrer aller Arbeit geschützt haben, sollen auch weiterhin allen Schutz, Inspiration und Elan gewähren, wo Sie auch immer sind.
Doch vorher sage ich „Herzlichen Glückwunsch zum Achzigsten!“, aus der Ferne trinke ich auf Ihr Wohl.

(Natürlich war ich neugierig auf die Fortsetzung des BE unter dem neuen Intendanten, Oliver Reese. Ich erbat Ende 2017 die Zusendung des Spielplans an meine Pariser Adresse. Sein Sekretariat sagte, dass man nicht ins Ausland versenden würde, ich war sprachlos.
Die Neugierde auf das ‘neue’ Berliner Ensemble ist mir erstmal vergangen.)

 

In Paris Theater erleben

Grosse Schauspielerinnen und Schauspieler, grosse Theatermacher wie Giorgio Strehler, Jean-Louis Barrault, Peter Brook, Roger Planchon, Patrice Chéreau, Luc Bondy, Peter Stein, eine Ariane Mnouchkine, ein Claus Peymann bleiben immer Orientierung und Referenz. Vor allem dank der Bild-Aufzeichnungen sind sie Orientierung in einer, unserer, Epoche, in der sich inszenierende Text- und Stückzertrümmerer aufspielen und glauben machen wollen, besser zu sein als Euripides, Shakespeare, Molière, Schiller oder Rameau, Mozart, Verdi, Wagner. Von diesen Besserwissern wird nichts bleiben; aber von den Grossen des Theaters, für die immer der Text oder die Partitur verpflichtend war, bleibt zum Glück vieles und wird Teil unseres kulturellen Anspruchs heute und an die Zukunft.

Dieser leitet mich auch bei Theaterbesuchen in Paris. Im Gegensatz zu Deutschlands praktiziertem Ensembletheater gibt es in Frankreich derzeit nur zwei Ensemblebühnen: die staatliche Institution Comédie Française und das freie Théâtre du Soleil von Ariane Mnouchkine. Selbst die zahlreichen, als „Théâtre National“ ausgewiesenen Bühnen haben kein festes künstlerisches Ensemble sondern produzieren im Verbund mit anderen Bühnen im Land. Das ist für Thomas Ostermeier, der mindestens einmal im Jahr mit einer Berliner Schaubühnen-Inszenierung in Paris oder Avignon gastiert (ohne je eine representative französiche Produktion nach Berlin einzuladen!), der Grund, in Frankreich kein Theater leiten zu können, wie er es kürzlich in einem Interview im Wochenmagazin Télérama erklärte.....

(April’18, Fortsetzung und Abschluss folgen)

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